„Die Entstehung des deutschen Journalismus“

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Dieter Paul Baumerts Abhandlung über „Die Entstehung des deutschen Journalismus“ von 1928 stellt einen wichtigen frühen Versuch da, die historische Entwicklung des Berufs des Journalisten zumindest grob zu strukturieren. Im Rahmen der Professionalisierung des Journalismus und einer damit allmählich aufkommenden Arbeitsorganisation journalistischen Handelns, erfasste diese Studie erstmals dieses zentrale Klassifikationsmerkmal. (Raabe, 2005, 15)


Baumerts Arbeit zur Berufsgeschichte des Journalismus stellt eine funktionale Analyse an, der zu Folge Journalismus drei Grundfunktionen erfüllt: (Bucher, 1998, 731)

  1. die Korrespondenzfunktion, also die Informationsbeschaffung,
  2. die schriftstellerische Funktion, also die Textproduktion und
  3. die redaktionelle Funktion, also die medienspezifische Informations- und Textaufbereitung.


Die Entwicklungsgeschichte des Journalismus teilte Baumert entsprechend in vier Perioden ein:

  1. Die präjournalistische Periode umfasst Mittelalter bis beginnende Neuzeit und ist durch „sporadische, nicht berufsmäßige Nachrichtenbedarfsbefriedigung des Publikums einerseits und eine planmäßige auf Fürsten und Standesgruppen beschränkte berufsmäßige Bedarfsbefriedigung anderseits“ charakterisiert. (Baumert, 1928)
  2. Die Periode des korrespondierenden Journalismus geht vom Ende des 16. bis in die Mitte des 18.Jh und ist gekennzeichnet „durch die außerhalb des Zeitungsunternehmens stehende Berichterstattung der Korrespondenten und durch das Auftreten der ersten periodischen Wochenzeitungen in den meisten europäischen Ländern.“ (Bucher, 1998, 732) Auffallend ist erstens die unwesentliche redaktionelle Bearbeitung der Informationen vor der Veröffentlichung und zweitens die wenig professionelle Distribution: Oftmals übernahm eine Person zahlreiche Berufsrollen auf einmal, wie zum Beispiel Verleger, Drucker und Postmeister zu sein. Somit kann man den damaligen Zeitungstyp „als veröffentlichten Nachrichtendienst kennzeichnen.“ (Bucher, 1998, 732)
  3. Die Periode des schriftstellerischen Journalismus von der Mitte des 18. bis zur Mitte des 19.Jh wurzelte in Frankreich und inspirierte Chr. Thomasius (1655-1728) zu zahlreichen Zeitungsprojekten – erstmals in deutscher (statt bisher lateinischer) Sprache. England entwickelte „durch die Abschaffung der Vorzensur im Jahre 1965 und die Aufhebung kartellrechtlicher Begrenzungen der Anzahl der Druckereien […] eine engagierte, aufklärerische und an Fragen der Lebensführung orientierte Form des Zeitschriftenjournalismus.“ (Bucher, 1998, 732) Diese Art Journalismus wurde von vielen europäischen Ländern, darunter auch Deutschland, übernommen. Darüber hinaus entstanden unter Beteiligung bedeutender Schriftsteller wie Gellert, Lessing, Herder, Schlegel und Schubart literarisch-ästhetische Zeitschriften und „mit der Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit im Zuge der Aufklärung und einer Verdichtung der öffentlichen Kommunikation beginnt im 18.Jh auch eine Professionalisierung des Journalismus als Beruf sowie als gesellschaftliche Institution.“ (Bucher, 1998, 733) Aus dieser wegweisenden Entwicklung entsprangen dann für den modernen Journalismus typische Tendenzen, wie die Kommerzialisierung, die Diversifizierung des Printmedienangebots nach Zielgruppen und die Politisierung im Zeitschriftensektor. Mit der Qualitätszeitung „Neuste Weltkunde“, später „Allgemeine Zeitung“, gelang schließlich auch der Tageszeitung der Sprung in die vierte, moderne Periode.
  4. Die Periode des redaktionellen Journalismus, beginnend um die Wende zum 19.Jh, wird von strukturellen Veränderungen der öffentlichen Kommunikation charakterisiert: „Der Informationsbedarf auf Seiten der Leserschaft erweiterte sich aufgrund wachsender politischer und verkehrstechnischer Verflechtungen. Die Nachrichtenbeschaffung wurde professionalisiert und ökonomisiert durch den Aufbau von Korrespondenzbüros […] und Nachrichtenagenturen.“ (Bucher, 1998, 733) Der technische Fortschritt kombiniert mit zunehmenden Informationen aus verschiedensten Einrichtungen (Institutionen, Verbände, Parteien usw.) machten eine professionelle Selektion, Aufbereitung und Überprüfung durch eine redaktionell organisierte Arbeitsweise und Arbeitsteilung erforderlich. Der Berufsstand des Journalisten entstand, wurde aber zunächst als gesellschaftlich unterprivilegiert angesehen.

„Wollte man Baumerts Periodisierung der Geschichte des Journalismus fortführen, könnte man für das 20.Jh zwei weitere Phasen unterscheiden: die Phase des ideologischen Journalismus, wie er im Nationalsozialismus und in der DDR betrieben wurde, sowie den kommerziellen Journalismus, wie er zuerst in den elektronischen Medien der USA und mit der Privatisierung des Rundfunks auch in den Ländern Europas einsetzte.“ (Bucher, 1998, 734)

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Bild: freie Verfügung

Literatur:

Baumert, Dieter Paul. 1928. Die Entstehung des deutschen Journalismus. Eine sozialgeschichtliche Studie. München, Leipzig: Duncker & Humblot.

Bucher, Hans-Jürgen. 1998. Journalismus. In: Ueding, Gert (Hrsg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen: Niemeyer Verlag. 729-741.

(Reers)

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