„Enquete über das Zeitungswesen“

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Max Weber
Schon 1910 beschrieb Max Weber (1864-1920) in seiner „Enquete über das Zeitungswesen“ ein bis heute beispielhaftes, multiperspektivisches Forschungsprogramm. Er forderte eine sozialwissenschaftliche, empirisch-analytische, komparatistisch angelegte, quantitativ wie qualitativ vorgehende und im Multimethoden-Design konzipierte Untersuchungsanlage. Damit wollte er eine theoriegeleitete und empirisch-analytisch ausgerichtete Bestandsaufnahme der deutschen Presse, insbesondere der journalistischen Produktions- und Arbeitsbedingungen, erreichen.


Nach Webers Verständnis ist die Presse nämlich notwendigerweise ein kapitalistisches, privates Geschäftsunternehmen, das jedoch in Abgrenzung zu jedem anderen Geschäft zwei ganz verschiedene Arten von Kunden hat: „Die einen sind die Käufer der Zeitung und diese wieder entweder der Masse nach Abonnenten oder aber der Masse nach Einzelkäufer […], die anderen sind die Inserenten, und zwischen diesen Kundenkreisen bestehen die eigentümlichsten Wechselbeziehungen.“ (Weber, 1924) Sie haben nämlich unterschiedliche Ansprüche an das Geschäft.

Außerdem war Weber der Ansicht, dass nicht nur das vorliegende Produkt, sondern auch die Produzenten gewürdigt werden müssen. (Weber, 1924) Das heißt also, Weber wollte eine umfassende Untersuchung von sowohl marktwirtschaftlichen, institutionellen und organisatorischen Strukturen der Presse wie auch der Herkunft, der Bildung, den Berufsanforderungen und der sozialen wie auch ökonomischen Position der Journalisten.


Er vertrat also die Prämisse, dass soziale Zusammenhänge nur durch die Beziehungen von Individuum und Gesellschaft erklärt werden können. Aus dieser Grundannahme Webers leiten sich die späteren Handlungstheorien ab, deren Kerngegenstände die handelnden Akteure, ihre Handlungen und deren Sinn sind.

  • Nach den Handlungstheorien wird jedes soziale Handeln durch Regeln bestimmt, die wiederum im Prozess menschlicher Interaktion gebildet werden. Handlungstheoretisch orientierte Journalismusforschung, wie etwa die Beschreibung und Analyse redaktioneller Entscheidungsprozesse, zielt primär auf die Typologisierung journalistischer Handlungsformen, -muster und –regeln ab. Im Unterschied zur Medienwirkungsforschung (Rezeptionstheorien) erschöpft sich die Verarbeitung der kritischen Handlungstheorien in der Journalismusforschung oft in der Verwendung entsprechender Begriffe.


Mit diesem Ansatz wurde der Jurist und Universalgebildete Weber ein weiterer wichtiger Vorläufer des modernen Journalismusverständnisses. Allerdings blieben seine Ideen zunächst ohne Widerhall. Sie nahmen aber in der Tat schon Entwicklungen vorweg, die im deutschen Sprachraum erst nach dem zweiten Weltkrieg aufgrund der Rezeption empirischer Studien aus den USA einsetzten und Anfang der 90er Jahre auf eine repräsentative Grundlage gestellt wurden. (Löffelholz, 2004, 36)

Und so meinte Käsler 1999 : „In Webers Werk ist (…) jene intermediäre und reflexive Vermittlung angelegt, die von einer gesellschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit ausgeht, in der das Individuum zum einen einer ihm gegenüberstehenden „objektiven“ Wirklichkeit begegnet, die es zum anderen „subjektiv“ verändern und mitbestimmen kann.“ (Raabe, 2005, 16.)


Zwischen 1970 und 1990 lösten erfahrungswissenschaftliche Theorien, wie Weber sie bereits Jahre zuvor forderte, ihre akademischen Vorläufer in der Journalismusforschung ab. Die neuen Theorien beziehen sich auf empirisch erfassbare Objektbereiche und werden durch die Überprüfung dieser beeinflusst.


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Bildquelle: http://www.ne.jp/asahi/moriyuki/abukuma/

Literatur:

Löffelholz, Martin. 2004. Theorien des Journalismus. Eine historische, metatheoretische und synoptische Einführung. In: Löffelholz, Martin (Hrsg.) Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch. 2. Auflage. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. 17-63.

Raabe, Johannes. 2005. Die Beobachtung journalistischer Akteure. Optionen einer empirisch-kritischen Journalismusforschung. Wiesbaden: VS-Verlag.

Weber, 1924, Geschäft, Institution und Produzent. IN: Löffelholz, Martin. 35.

(Reers)

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