Der Begriff Öffentlichkeit

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Kurze Begriffserklärung von Öffentlichkeit (Chenchen Song)

1. Begriffsgeschichte und Entwicklung von Öffentlichkeit

Der Begriff Öffentlichkeit ist erst im 18. Jahrhundert aus dem Adjektiv öffentlich gebildet worden. Danach entwickelte der Begriff sowohl in der politischen Kommunikation als auch in der politischen Philosophie. Der Begriff Öffentlichkeit hängt auch eng mit gesellschaftlichen Strukturveränderungen und Demokratisierungsprozessen zusammen.

- Am Anfang war der Begriff relativ unbestimmt. Zum einen werden mit Öffentlichkeit die aggregierten Meinungen der Bürger einer Gesellschaft bezeichnet, zum anderen meint Öffentlichkeit ein wie immer auch genau zu bestimmendes Kollektiv, das gleichsam der Souverän politischer Entscheidungen sein soll.

- Eine normativ richtige Öffentlichkeit in der Politik

Politische Entscheidungsfindungen sollen für die Allgemeinheit transparent sein, sie sollen durch Diskussion und Argumentation der Bürger hergestellt und nicht durch absolutistische Beschlussfassung festgelegt werden.

- Öffentlichkeit in den Sozialwissenschaften

Erst mit der historisch-systematischen Arbeit von Jürgen Habermas von 1962 über den Strukturwandel der Öffentlichkeit findet der Begriff Eingang in den Sozialwissenschaften. Habermas entwickelt am Beispiel der Entstehung bürgerlicher Öffentlichkeit ein normatives basisdemokratisch orientiertes Idealmodell von Öffentlichkeit: Öffentlichkeit bezeichnet einen kommunikativen Bereich, in dem alle Bürger mit Argumenten öffentliche Belange diskutieren, an deren Ende eine vernünftige öffentliche Meinung steht, die die Grundlage politischer Entscheidungen bildet.

- Öffentlichkeit als intermediäres System (nach Luhmann, 1995)

Über das Kommunikationssystem Öffentlichkeit können sich Bürger und Akteure des politischen Systems wechselseitig beobachten, indem sie die öffentlichen Meinungen beobachten, via Öffentlichkeit können sie miteinander kommunizieren, indem sie öffentliche Meinungen produzieren. Diese intermediäre Stellung von Öffentlichkeit lässt vermuten, dass moderne Demokratien ohne Öffentlichkeit nicht denkbar sind.

- Die Entstehung der Massenmedien eröffnete die Möglichkeit einer Institutionalisierung von Öffentlichkeit, die über eine Anwesenheit der Kommunikationspartner hinausging. Die technische Weiterentwicklung der Massenmedien ermöglichte eine weitere Ausdehnung des Publikums und eine immer schnellere Kommunikationsübermittlung, sodass gegenwärtig weltweit fast alle Bürger simultan an Ereignissen partizipieren können. Öffentlichkeit ist dann keine unmittelbare, sondern eine medial vermittelte Kommunikation. Öffentlichkeit in gegenwärtigen Gesellschaften bedeutet in erster Linie massenmediale Öffentlichkeit.


2. Drei typische Definitionen von Öffentlichkeit

2.1 Öffentlichkeit als Netzwerk für die Kommunikation, nach Jürgen Habermas

„Die Öffentlichkeit lässt sich am ehesten als ein Netzwerk für die Kommunikation von Inhalten und Stellungnahmen, also von Meinungen beschreiben; dabei werden die Kommunikationsflüsse so gefiltert und synthetisiert, dass sie sich zu themenspezifisch gebündelten öffentlichen Meinungen verdichten“.

2.2 Öffentlichkeit als offene Forum, nach Gerhards, 1998

„(Politische) Öffentlichkeit besteht aus einer Vielzahl von Kommunikationsforen, deren Zugang prinzipiell offen und nicht an Mitgliedsbedingungen gebunden ist und in denen sich individuelle und kollektive Akteure vor einem breiten Publikum zu politischen Themen äußern. Das Produkt der Kommunikation in der Öffentlichkeit bezeichnet man als öffentliche Meinung, die man von den aggregierten Individualmeinungen der Bürger unterscheiden kann“.

2.3 Öffentlichkeit als Kommunikationssystem, nach Neidhardt, 1994

NeiNeidhardt (1994) definiert Öffentlichkeit als ein Kommunikationssystem, „indem Themen und Meinungen (A) gesammelt (Input), (B) verarbeitet (Throughput) und (C) weitergegeben (Output) werden“.


3 Akteure und Rollen in der Öffentlichkeit

Öffentlichkeit als ein im Prinzip allen gleichermaßen zugängliches Kommunikationsforum kann nach verschiedenen Akteurgruppen und Rolleninhabern differenziert werden. Die Unterscheidung von Akteuren und Rollen ist wichtig. Weil nur Akteure ihre Rollen wechseln können, das Publikum hingegen nicht. Akteure können als Sprecher auftreten, sie können als Mitglieder des Publikums zu den Zuhörern zählen und sie können sich auch als Vermittler zwischen Sprechern und Publikum bestätigen. Das Publikum hingegen bleibt immer Publikum, da es als Kollektiv nicht strategisch hanglungsfähig ist. In dem Sinne erweist sich Öffentlichkeit dann als ein sozialer Raum, in dem sich Akteure in spezifischen Rollen bewegen können.

3.1 Sprecher

Sprecher sind Angehörige kollektiver oder korporativer Akteure, die sich in der Öffentlichkeit zu bestimmten Themen zu Wort melden. Dabei können Sprecher unterschiedliche Rollen wahrnehmen, z.B. als - Repräsentanten, indem sie sich als Vertreter gesellschaftlicher Gruppierungen und Organisationen äußern - Advokaten, die ohne politische Vertretungsmacht im Namen von Gruppierungen auftreten und deren Interessen vertreten - Experten mit wissenschaftlich-technischen Sonderkompetenzen - Intellektuelle, die sozialmoralische Sinnfragen aufnehmen - Kommentatoren. Als solche bezeichnet Neihardt Journalisten, die sich zu öffentlichen Angelegenheiten nicht nur berichtend, sondern auch mit eigenen Meinungen zu Wort melden.

3.2 Vermittler

Als Vermittler werden die Journalisten bezeichnet. Sie wirken innerhalb von Organisationen. Sie arbeiten in Redaktionen und sind für Medienunternehmen auf Basis eines redaktionellen und publizistischen Programms tätig. Aufgrund dieser „Programmorientierung“ beobachten sie die soziale Entwicklung auf allen Öffentlichkeitsebenen, wenden sich an Sprecher, greifen Themen auf und kommentieren diese.

3.3 Publikum

Das Publikum ist Adressat der Äußerungen von Sprechern und Vermittlern, die Aufmerksamkeit erhalten wollen. Erst durch die Anwesenheit eines Publikums wird Öffentlichkeit konstituiert. Die Präsenz des Publikums und seine Zusammensetzung schwankt in Abhängigkeit von Themen, Meinungen, Sprechern und Medien, die in der Öffentlichkeit verhandelt werden. Das Publikum setzt sich vorwiegend aus Laien zusammen. Je mehr die Laien sind, desto größer ist das Publikum. Weil das Publikum in dem Fall sozial heterogen ist und einen schwachen Organisationsgrad aufweist.


Literaturen

Gerhards, Jürgen: Öffentlichkeit, in: Jarren,Otfried/Sarcinelli/Saxer(Hrsg.): Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft, Wiesbaden, S.268-274.

Donges, Patrick/Imhof, Kurt: Öffentlichkeit im Wandel, in: Jarren, Otfried/Bonfadelli (Hrsg.): Einführung in die Publizistikwissenschaft, Bern, 2000, S. 101-133.

Luhmann, Niklaus: Die Beobachtung der Beobachter im politischen System: Zur Theorie der Öffentlichen Meinung, in:

Neidhardt, Friedhelm: Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, Soziale Bewegung, in: Ders. (Hrsg.): Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, Soziale Bewegung, Konstanz 1997, S.7-41.

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