Emil Dovifat (1890-1969)

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Dovifat


Im Werk des Zeitungswissenschaftlers Emil Dovifat (1890-1969) zeigt sich deutlich die Idee der Begabungsideologie. Seine ‚Gesinnungspublizistik’ bildete die Basis für einen personenbezogenen Journalismusbegriff. (Löffelholz, 2004, 41)

Dovifat sah den Journalismus als eine Form der Publizistik an, unter der er „jede öffentlich bedingte und öffentlich geübte geistige Einwirkung auf die Öffentlichkeit, um diese ganz oder in Teilen durch freie Überzeugung oder kollektiven Zwang mit Gesinnungskräften über Wissen und Wollen im Tun und Handeln zu bestimmen“, verstand. (Dovifat, 1968, 5)


In seiner Vorstellung eines vertikal von oben nach unten gerichteten, linearen und einseitigen Wirkungszusammenhangs von Journalismus und Gesellschaft war die Aufgabe der Publizistik gleichbedeutend mit gezielter Persuasion. Alle publizistischen Mittel dienen demnach der geistigen Führung, der Erziehung der Massen und deren Anleitung zum Tun und Handeln. Der Publizist ist für Dovifat „der persönliche Träger seiner öffentlich bestimmten und öffentlich bewirkten Aufgabe. Aus der Gabe der Einfühlung und der Form sucht er sachlich unterrichtend und überzeugend oder emotional überwältigend Wissen, Wollen und Handeln der Angesprochenen zu bestimmen.“ (Dovifat, 1968, 40)

Die Masse, der Adressat der Botschaft, zeichnet sich im Gegensatz dazu durch einen Mangel an individueller Unterscheidung und an Initiative aus, an mangelnder Originalität und Bewusstsein. Kurz, es ist eine minderwertige Masse. Damit beschreib Dovifat eine implizite Elitentheorie der publizistischen Persönlichkeit. Politische oder gesellschaftliche Kontexte sieht er einfach als gegeben an, sie werden nicht weiter hinterfragt oder in die Theorie miteinbezogen. „Ihnen werden lediglich spezifische Formen der Propaganda und Persuasion zugeordnet, so dem demokratischen System die Überzeugung und Überredung und dem totalitären System Gesinnungsterror und kollektiver Zwang.“ (Raabe, 2005, 24)


Allerdings unterscheidet Dovifat zwischen elitären und normalen Journalisten. So gesteht er ein, dass journalistische Tätigkeiten in modernen Presseunternehmen oft vom publizistischen Fußvolk erledigt werden, obwohl seine Gesinnungsideologie eigentlich die innere Berufung zum Beruf des Journalisten als unerlässlich beschreibt. Herablassend würdigt Dovifat diese normalen Journalisten als tüchtig und man erkennt ein Abrücken von seiner idealistischen Position, dass alle Journalisten der Begabungsideologie entsprechen müssten. „In diesen Zusammenhängen ist von einer Presse die Rede, die mit einer industrieähnlichen Produktion und technischer Bedingtheit aus Zeitungen Großbetriebe und Konzerne mache – eine Formulierung, die man ganz ähnlich auch in Rühls Beiträgen zur Journalismusforschung findet.“ (Raabe, 2005, 26)

Dovifats Einfluss sowohl auf die journalistische Berufspraxis (Begabungsideologie) als auch auf die wissenschaftliche Theoriebildung (personenbezogener Journalismusbegriff) ist gleichwohl bis in die heutige Zeit nachweisbar. Wegen der isolierten Konzentration auf die Begabung und Gesinnung einzelner Journalisten blieben der empirische Ertrag und die theoretische Komplexität des ‚normativen Individualismus’ insgesamt jedoch gering. (Löffelholz, 2004, 41)


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Bildquelle: http://www.infoamerica.org/teoria/dovifat1.htm


Literatur:

Dovifat, Emil (1968). Die publizistische Persönlichkeit. In: Handbuch der Publizistik, Bd.1. Berlin, New York: de Gruyter.

Löffelholz, Martin. 2004. Theorien des Journalismus. Eine historische, metatheoretische und synoptische Einführung. In: Löffelholz, Martin (Hrsg.) Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch. 2. Auflage. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. 17-63.

Raabe, Johannes. 2005. Die Beobachtung journalistischer Akteure. Optionen einer empirisch-kritischen Journalismusforschung. Wiesbaden: VS-Verlag.

(Reers)

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