Gesellschaftstheorien 1: Systemtheorie

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Inhaltsverzeichnis

Vorstellung, Aufgaben und Relevanz der Systemtheorie

Vorstellung der Theoriefamilie

Jede sozialwissenschaftliche Theorie nimmt ihren Ausgang bei ganz elementaren Beobachtungen der Gesellschaft. Die Gesellschaftstheorien beschreiben die soziale Wirklichkeit und die Systemtheorie bezweckt als Gesellschaftstheorie nichts anderes als die Erklärung aktuellen wie vergangenen sozialen Geschehens. Dinge, die in der Realität existieren, denen man ständig begegnet, die aber oft unverstanden bleiben, werden mit Hilfe allgemeiner Aussagen über die Funktion der Gesellschaft erläutert. Die allgemeinste und grundlegendste Aussage für den Systemtheoretiker Luhmann ist die Aussage, dass es Systeme gibt. Mit Systemen sind keine großen Organisationen oder das ‚politische System’ eines Landes gemeint. Nach Luhmann muss man ein systematisches Denken entwickeln, das sämtliche gesellschaftlichen Phänomene als Systeme beschreibt und analysiert.

Eine allgemeine Systemtheorie gibt es bisher nicht, sondern es existieren mehrere allgemeine Systemtheorien.

Die moderne Systemtheorie im Speziellen beobachtet und beschreibt:

(1) die Gesellschaft als Gesamtheit. Nach Luhmann kann man unmöglich die Gesellschaft von außen als ein Außenstehender beobachten und beschreiben, da jeder Mensch selbst ein Teil der Gesellschaft ist. Deswegen ist auch eine soziologische Theorie über die Gesellschaft ein Beitrag zur gesellschaftlichen Selbstbeschreibung. Es geht um eine gleichzeitige Beschreibung von der Gesellschaft in der Gesellschaft.

(2) die gesellschaftlichen Teilsysteme und ihre Umwelt und

(3) die Systemtheorie selbst.


(Mihaela Milanova)

Aufgaben und Leistungen

Forschungsgegenstand der Systemtheorie ist die Gesellschaft. Die Gesellschaft wird als System verstanden und gliedert sich in verschiedene Teilsysteme (Politik, Wissenschaft, Massenmedien, Familien, alle sozialen Kontakte usw.).

Die Aufgabe der Systemtheorie ist es, einen Beitrag zur Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung der Gesellschaft zu schaffen.

Die Leistung der Systemtheorie ist somit, theoretische Grundlagen und Begriffe sowie Analyseinstrumente zur Beschreibung der sozialen Wirklichkeit bereit zu stellen.


(Mihaela Milanova)

Relevanz der Systemtheorie

Die Systemtheorie ist nach Luhmann „eine besonders eindrucksvolle Supertheorie“ (Berghaus 2004, 24) und ist heute in der Wissenschaft sehr verbreitet.

Die Systemtheorie ist eine Makrotheorie der Gesellschaft, die einen Universalitätsanspruch erhebt. Das bedeutet, dass Luhmanns Systemtheorie den gesamten Bereich der sozialen Wirklichkeit abdeckt. Universal heißt, dass die Gesellschaft und alle gesellschaftlichen Teilbereiche und Tatbestände als Theoriegegenstand einbezogen sind. Auch einbezogen sind die gesamte Welt und die Theorie selbst. Die Systemtheorie existiert nach Luhmann real in der Wirklichkeit. Systemtheorie ist also keineswegs bloß eine Betrachtungsmethode, sondern Systemtheorie ist deswegen angebracht, weil die Realität selbst Systeme wirklich aufweist. Es handelt sich aber nicht um abgebildete Realität, sondern immer und ausschließlich um von Beobachtern konstruierte Realität. Alle Beschreibungen der Realität sind Konstruktionen, da sie nur durch Unterscheidungen eines Beobachters zustande kommen.

Die Systemtheorie ist in vielen anderen Wissenschaftsdisziplinen wie beispielsweise der Psychologie, Biologie, Ökonomie, Soziologie usw. etabliert. Jede dieser Wissenschaftsrichtungen betrachtet jeweils ‚ihre’ Objekte als Systeme – die Biologie befasst sich mit Organismen, Zellen und physischen Körpern als Systemen, die Psychologie mit Bewusstsein als System, die Soziologie mit der Gesellschaft und gesellschaftlichen Tatbeständen als soziale Systeme usw.


(Mihaela Milanova)

Geschichte und Entwicklung der Theorie

Frühe Ansätze von Bertalanffy, Wiener und Brown

Die klassische Vorstellung von Systemen existiert seit dem 18. Jahrhundert. Das griechische Wort „systema“ bedeutet ein geordnetes, strukturiertes bzw. gegliedertes Ganzes, das aus Teilen (Elementen bzw. Komponenten) besteht. Systeme sind im ursprünglichen Sinne ein Gesamt-Zusammenhang und mehr als bloß die Summe ihrer Teile (z. B. Markt oder Nation). Ein System ist somit auch etwas, was eine spezifische Qualität aufweist, die nicht allein durch seine Teile (Elemente) erklärt bzw. erfasst werden kann.

"Mehrere Wissenschaftler arbeiteten zwar unter dem Label 'Systemtheorie', schließen aber nicht orthodox an Niklas Luhmann an, sondern haben ihre eigenen Versionen von Systemtheorie entwickelt, die mehr oder weniger anschlussfähig sind" (Weber 2003, 202) ; z. B. die „Allgemeine Systemtheorie“ Ludwig von Bertalanffys, die „Kybernetik erster Ordnung“ von Norbert Wiener und die differenzlogischen Entwürfe von George Spencer Brown.


(Mihaela Milanova)

Ludwig von Bertalanffy (1901-1972). Quelle: http://www.hyperkommunikation.ch/personen/von_bertalanffy.htm.


Ludwig von Bertalanffy

Den klassischen Systembegriff findet man im Jahre 1971 in der „Allgemeinen Systemtheorie“ von Ludwig von Bertalanffy. Bertalanffy versteht Systeme als ein Ganzes, das aus Teilen besteht, die miteinander in Beziehungen stehen (es gibt eine innere Ordnung). Er unterscheidet dabei zwischen offenen und geschlossenen Systemen. Offene Systeme stehen im permanenten Austausch mit ihrer Umwelt. Geschlossene Systeme dagegen sind gegenüber ihrer Umwelt abgeschlossen, verfügen über eine feste Systemgrenze.


(Mihaela Milanova)

Norbert Wiener (1894-1964). Quelle: http://beat.doebe.li/bibliothek/p00041.html

Norbert Wiener

Der Systembegriff von Bertalanffy taucht auch in der „Kybernetik erster Ordnung“ von Norbert Wiener im Jahr 1992 auf. Bei ihm gibt es ebenfalls offene und geschlossene Systeme, aber auch solche die sich selbst steuern und solche, die von der Umwelt gesteuert werden. Charakteristisch ist die Unterscheidung von System und Umwelt. Wenn man ein System beobachtet, ist der Rest der Welt Umwelt für dieses System. Zur Umwelt gehören zum Beispiel geographische und klimatische Bedingungen, also sozusagen alle Inputs von außen.


(Mihaela Milanova)


George Spencer Brown

Abb.1: Entstehung von Systeme bei Brown. Quelle: eigene Darstellung unter Berücksichtigung der These „Systemtheorie der Medien“ von Stefan Weber.

Die Theorie von George Spencer Brown aus dem Jahre 1997 weicht von den frühen Modellen ab. Bei Spencer Brown entsteht ein System durch eine (von einem Beobachter getroffene) Unterscheidung, die in einem unmarkierten Raum (unmarked space) einen markierten Zustand (marked state) von einem unmarkierten Zustand (unmarked state) separiert.

Den unmarkierten Raum kann man sich als ein leeres Blatt Papier vorstellen, den markierten Zustand als die Fläche eines Kreises, der auf das Blatt gezeichnet wurde, und den unmarkierten Zustand als das Kreisäußere. So entstehen ein System (der Kreis) und seine Umwelt (das Äußere) in der Welt (dem Blatt Papier) (s. Abb.1.). Deswegen werden Systeme oft als Kreise oder Kugeln dargestellt – als Einheiten, die zirkulär sind und sich von ihrer Umwelt durch eine geschlossene Grenze abheben.


(Mihaela Milanova)


Soziologe und Systemtheoretiker Talcott Parsons (1902-1979) Quelle:http://www.hyperkommunikation.ch/personen/parsons.htm

Strukturell-funktionale Systemtheorie

Die strukturell-funktionale Systemtheorie hat Talcott Parsons entwickelt. Bei dieser Theorie wird der Strukturbegriff dem Funktionsbegriff vorgeordnet. Bei Parsons sind die Strukturen und die Systeme der Ausgangspunkt und erst danach werden die Funktionen untersucht.

Parsons interessiert sich dafür, welche Funktionen ein soziales Phänomen für eine größere Gesamt- und Ganzheit zu erfüllen hat. Er untersucht beispielsweise welche Leistungen die Familie für die Gesellschaft erbringt. Ausgangspunkt für Parsons ist eine stabile Systemstruktur, deren Bestand durch bestimmte funktionale Leistungen aufrechterhalten wird. Das Ordnungsproblem stellt das soziologische Zentralproblem dar. Parsons untersucht die Funktion von Strukturen für den Fortbestand von Systemen.


(Mihaela Milanova)


Niklas Luhmann (1927-1998) Foto: Archiv Lünerburger Landeszeitung Quelle:http://www.fh-lueneburg.de/u1/gym03/homepage/chronik/luhmann/luhmann.htm#leben

Funktional-strukturelle Systemtheorie

Luhmann dreht in gewisser Weise Parsons strukturell-funktionale Theorie um und entwickelt eine funktional-strukturelle Systemtheorie.

Der Grund für den Mangel der strukturell-funktionalen Systemtheorie liegt in ihrem Prinzip selbst, darin nämlich, dass sie den Strukturbegriff dem Funktionsbegriff vorordnet. Dadurch nimmt die strukturell-funktionale Theorie sich die Möglichkeit, Strukturen schlechthin zu problematisieren und nach dem Sinn und der Strukturbildung, ja nach dem Sinn von Systembildung überhaupt zu fragen. Ein solche Möglichkeit ergibt sich jedoch, wenn man das Verhältnis dieser Grundbegriffe umkehrt, also den Funktionsbegriff dem Strukturbegriff vorordnet. Eine funktional-strukturelle Theorie vermag nach der Funktion von Systemstrukturen zu fragen, ohne dabei eine umfassende Systemstruktur als Bezugspunkt der Frage voraussetzen zu müssen.“ (Luhmann; Baecker 2004, 22)

Infolge dieser theoretischen Umstellung unterscheidet sich Luhmann von Parsons in den folgenden drei untereinander verbundenen Ansichten. Erstens, da Luhmann nicht wie Parsons von bestehenden Systemstrukturen ausgeht, stellt das Ordnungsprinzip für ihn nicht das soziologische Zentralproblem dar. Zweitens, bei Luhmann sind Systeme viel abstrakter als bei Parsons. Die Idee, wie das genau funktionieren sollte, übernimmt Luhmann aus der Biologie – sie beobachtet und analysiert wie sich Organismen mit ständiger Regelung ihrer Körpertemperatur in einer sich ständig verändernden und den Organismus bedrohenden Umwelt stabil halten. Luhmann übernimmt dieses biologische Modell und definiert soziale Systeme als wechselseitig aufeinander bezogene Handlungen, die sich von anderen Handlungen abgrenzen. Drittens, Luhmann meint, dass die Grundprobleme sozialer Systeme durch bestehende Strukturen nicht für immer gelöst sind, sondern nur vorläufig bearbeitet werden.


(Mihaela Milanova)

Wichtige Systemtheoretiker

=== Talcott Parsons === Biografie und Bibliografie


Versuch einer allgemeinen soziologischen Systemtheorie

Talcott Parsons ist im Prinzip der erste Wissenschaftler, der eine explizit soziologisch geprägte Systemtheorie vorgestellt hat. Seine Theorie, die er in den 40er und 50er Jahren in den USA entwickelt hat, folgt in ihren Grundzügen den Perspektiven einer strukturell-funktionalen Systemtheorie. Er ordnet den Strukturbegriff dem Funktionsbegriff vor. Am Anfang seiner Forschungen steht somit die Frage, was die strukturellen Voraussetzungen von Systemen und insbesondere vonGesellschaft sind, welche funktionalen Leistungen von einem System erbracht werden müssen, damit ein System mit seinen vorgegebenen Strukturen weiter existiert. Strukturen werden folglich als gegeben angenommen und nicht auf ihre Funktion hin hinterfragt. Diesen Strukturalismus hat #Niklas Luhmann, der mit seiner Ausarbeitung der Systemtheorie in den 60er und 70er Jahren an Parsons anschließt, kritisiert. Seiner Meinung nach kann man ausgehend von der Frage nach der Strukturerhaltung nicht klären, warum sich gerade diese und nicht andere Strukturen ausgebildet haben. Die Konzentration auf bestehende Strukturen liefert weiterhin keine Erklärung für die Unterschiede zwischen sozialen, psychischen und lebenden Systemen.


Parsons geht in seinen Ausführungen von einem Bestandsfunktionalismus aus, im Gegensatz dazu spricht Niklas Luhmann von einem Äquivalenzfunktionalismus. Bestandsfunktionalismus bedeutet, dass Systeme ihre festen Strukturen und Merkmale besitzen, wodurch sie ihre Grundprobleme lösen können. Äquivalenzfunktionalismus geht von anderen Voraussetzungen aus. „Für soziale Systeme ist kennzeichnend, dass sie nicht unbedingt auf spezifische Leistungen angewiesen sind, mit denen sie stehen und fallen. Wichtige Beiträge zu ihrer Erhaltung werden durch Leistungen erbracht, die durch andere, funktional äquivalente Leistungen ersetzbar sind.“ (Luhmann 2005, 42).


Der Schwerpunkt der Systemtheorie Parsons liegt auf der Untersuchung der Funktion von Strukturen für das Fortbestehen von Systemen. Die Leitfrage seiner Untersuchungen ist daher, welche strukturelle Anordnung zur Aufrechterhaltung von Systemen geeignet bzw. notwendig ist. Mit den Begriffen von Parsons ist sozialer Wandel nicht erklärbar, da das Aufrechterhalten von Strukturen im Mittelpunkt steht. Es ist unklar, ob und wie sich Bestandsvoraussetzungen verändern könnten, damit die Gesellschaft auf eine höhere Entwicklungsstufe aufsteigt. Die grundlegende Frage, wie soziale Ordnung überhaupt möglich ist und wie sie sich wandelt, kann von Parsons daher nicht beantwortet werden. Parsons ist in seinen Überlegungen stark an handlungstheoretischenVorstellungen orientiert. Soziales Handeln ist laut Parsons nur innerhalb eines Systems möglich. Werteund Normengelten innerhalb des Systems als Orientierungspunkte für das Handeln der an der Gesellschaft beteiligten Individuen und halten das soziale Gefüge zusammen. Wegen dieser Konzentration auf den Handlungsbegriff wurde Parsons häufig vorgeworfen, „dass er eine Allgemeine Handlungstheorie anstrebt, nicht aber eine Allgemeine Systemtheorie.“ (Willke 1991, 102). Die Kritik an den Überlegungen Parsons hat letztendlich Ende der 60er Jahre zunächst zu einem Stillstand in der Arbeit an einer soziologischen Systemtheorie geführt. Der historisch nachvollziehbare Bedarf nach einer Theorie, die Instrumente zur Kritik bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse liefert, hat zu einer Abwendung von der Systemtheorie hin zu der sich gerade entwickelnden Kritischen Theoriebeigetragen. Die Kritik an Parsons hatte somit nicht nur theoriekritische, sondern auch ideologische Gründe.

(Christa Weber)


Handlung und System

Nach Meinung Niklas Luhmanns wird man Talcott Parsons Werk nur halb gerecht, wenn man ihn gänzlich der strukturell-funktionalen Phase der Systemtheorie zuordnet. Parsons kann aufgrund seiner frühen Arbeiten und Studien zwar als Förderer dieses Ansatzes betrachtet werden, denn The Social System (1951) hat sicher zur Rechtfertigung des Strukturfunktionalismus beigetragen. Sein Werk enthält jedoch auch eine beträchtliche Eigenleistung und Weiterentwicklung seiner Theorie, die besonders auch die Begrifflichkeiten und Annahmen der Luhmannschen Systemtheorie beeinflusst hat. Die Wurzeln dieser Entwicklung sind schon in Parsons erstem großen Werk The Structure of Social Action (1937) erkennbar. Luhmann beschreibt diese theoretische Konzeption folgendermaßen: „Man kann das Gesamtwerk von Parsons als einen quasi endlosen Kommentar zu einem einzigen Satz begreifen, und dieser Satz heißt: <Action is system>, Handlung ist System.“ (Luhmann; Baecker 2004, 18). Handlung und System erscheinen hier nicht als unvereinbare Paradigmen, sondern als zwei Größen, die eng miteinander verbunden sind. Laut Parsons existiert ein Zusammenhang zwischen Systembildung und übergreifenden Ordnungen und Handlungen als basalen Operationen. Nach Parsons Theorie kommt eine Handlung immer dann zustande, wenn bestimmte Komponenten zusammentreffen. Der Handelnde ist dabei nur eine dieser Komponenten, er wird der Handlung untergeordnet. Die Einzelhandlung, der unit act, enthält alle notwendigen Bedingungen für die Möglichkeit sozialen Handelns. Er impliziert einen Akteurals handlungsfähiges Wesen und das Verfolgen eines Ziels in einer bestimmten Situation mit bestimmten Mitteln und mit Ausrichtung auf vorgegebene normative Orientierungspunkte.


Handeln in dieser Form ist die emergente Eigenschaft eines systemhaften Zusammenhangs. Demzufolge beschreibt Parsons das allgemeine Handlungssystem als Kombination aus vier Komponenten. Mit instrumental bezeichnet er die zur Verfügung stehenden Mittel des Handelns, consummatory bezieht sich auf das Erreichen eines Zwecks und eines befriedigenden Zustands, external bezeichnet die Außenbeziehungen des Handlungssystems und internal die internen strukturellen Gegebenheiten. Die Anordnung dieser vier Komponenten in einer Kreuztabelle ergibt durch Kombination der vier Variablen verschiedene Handlungen, die die grundlegenden Funktionserfordernisse von Handlungssystemen, also Lösungen der Grundprobleme der Systemerhaltung, darstellen. Das sind die Funktionen der adaption (Anpassung), des goal attainment (Erreichen des Ziels), der integration (Integration) und der latent pattern maintenance (Stabilisierung der inneren Strukturen). Dieses Konzept ist das so genannte AGIL-Schema, das als Grundbaustein von Parsons Systemtheorie bezeichnet werden kann.


Abb.2: AGIL-Schema nach Parsons: Vier Funktionserfordernisse von allgemeinen Handlungssystemen Quelle: Willke 1991, 102.


Das AGIL-Schema enthält bzw. beschreibt die Bestandsvoraussetzungen von Systemen allgemein und kann somit auch auf die Gesellschaft als soziales System angewendet werden. Ein System enthält immer die oben beschriebenen vier Funktionserfordernisse, um seinen Bestand zu sichern. Das Gleichgewicht zwischen ihnen ist Voraussetzung für die Erfüllung der übergeordneten Systemfunktion. Um alle vier Funktionen erfüllen zu können, bildet ein System funktional differenzierte Subsysteme aus. Diese Subsysteme unterliegen auch wieder dem AGIL-Schema, das heißt, sie lassen sich ebenso wiederum in diese vier Teilbereiche zerlegen. Ausdifferenzierung von Systemen erfolgt demnach immer nach diesem Schema. Der Differenzierung sind prinzipiell keine Grenzen gesetzt, abgesehen davon, dass sie immer als Ausdifferenzierung von vier neuen Subsystemen erfolgt.


Abb.3: Systemische Differenzierung in jeweils vier Subsysteme nach dem AGIL-Schema von Talcott Parsons Quelle: Luhmann; Baecker 2004, 34.


Parsons hat sein AGIL-Schema durch Überlegungen zu integrativen Beziehungen zwischen den einzelnen Systemen ergänzt. Dabei stellt er zwei unterschiedliche Konzepte in den Mittelpunkt. Die Beziehungen zwischen den Teilsystemen werden durch integrative Mechanismen gesteuert. Auf der horizontalen Ebene nennt Parsons die so genannten doubles interchanges, also wechselseitige Austauschbeziehungen zwischen den Subsystemen. Auf der vertikalen Ebene geht er von einer kybernetischen Kontrollhierarchie der Funktionserfordernisse aus, wobei das Subsystem der latent pattern maintenance auf der höchsten Hierarchieebene steht. Auf der horizontalen Ebene werden die Austauschbeziehungen durch den Einsatz von symbolisch generalisierten Medien gesteuert. Ein solches Medium ist beispielsweise das Geld. Es besitzt einen symbolischen Charakter und ist generalisiert, da es unabhängig von spezifischen Anlässen und Personen eingesetzt werden kann. Wenn es trotz dieser integrativen Mechanismen Störungen innerhalb der Austauschbeziehungen gibt, dann werden diese Störungen auf der Ebene des Gesellschaftssystems als Integrationsprobleme zwischen Teilsystemen bemerkbar. Das AGIL-Schema ist somit zwar ein Instrument zur Analyse sozialer Phänomene in ihrem gegenwärtigen Zustand. Es ist allerdings nicht geeignet zu erklären, warum Systeme existieren, wie sie entstanden sind oder warum sie überdauern. Erklärt wird nur „die zum jeweiligen Zeitpunkt gegebene Erfüllung des betreffenden funktionalen Erfordernisses.“ (Schimank 2000, 102). Bei Kritikern gilt das AGIL-Schema als geschlossene Theoriearchitektur, als „Sackgasse in der Entwicklung einer spezifisch soziologischen Systemtheorie“ (Schimank 2000, 40), da sich gesellschaftliche Phänomene immer nur anhand und im Rahmen dieser vier Funktionen beschreiben lassen.

(Christa Weber)


=== Niklas Luhmann === Autobiografie Luhmanns


Curriculum Vitae von Niklas Luhmann

Abb.4: Curriculum Vitae von Niklas Luhmann. Quelle: Berghaus 2004, 14.


(Mihaela Milanova)


Luhmann als Begründer der modernen Systemtheorie

Luhmann gilt als Begründer der modernen Systemtheorie. Systeme sind nach ihm:

- Einheiten in Differenz zur Umwelt

- Operativ geschlossen

- Selbstreferentiell (auf sich selbst bezogen) und

- Autopoietisch (selbstherstellend)

Das alles führt zu einer Weiterentwicklung der System-Umwelt–Differenz und zur Autopoietischen Wende in der Systemtheorie. Diese Wende stellt sozusagen einen Paradigmawechsel dar und bedeutet, dass soziale Systeme als autopoietische Einheiten aufgefasst werden, bei denen die Elemente, aus denen sie bestehen, jeweils zwingend und nur durch eigene Elemente reproduziert werden.


(Mihaela Milanova)

Unterschiede zwischen Luhmann und Parsons

Einer der entscheidenden Einflussmomente in Luhmanns intellektueller Karriere war seine Begegnung mit Talcott Parsons, der Luhmanns Theorie beeinflusst hat. Luhmann radikalisiert und umformuliert die Parsons'schen Theoriebausteine. Die Unterschiede zu Parsons sind:

- Luhmann dreht Parsons Theorie um und entwickelt die funktional-strukturelle Systemtheorie.

- Da Luhmann nicht von bestehenden Systemstrukturen ausgeht, die unbedingt erhalten werden müssen, ist für ihn das Ordnungsproblem nicht das soziologische Zentralproblem. Nach Luhmann spielen Name und Werte keine integrative Rolle in der Gesellschaft, die das soziale Gefüge zusammenhalten sollen. Das ist die endgültige Lösung von der Handlungstheorie.

- Luhmann definiert soziale Systeme als wechselseitig aufeinander bezogene Handlungen, die sich von anderen Handlungen abgrenzen. Dadurch sondern sich Systeme von ihrer Umwelt ab.

- Luhmann bezeichnet seinen Funktionalismus als Äquivalenzfunktionalismus. Das bedeutet, dass es immer äquivalente, gleichwertige Lösungen gibt, die die Probleme von Systemen vorläufig lösen können.

- Er untersucht die Funktion von Systemen an sich.


(Mihaela Milanova)

Luhmann-Habermas-Kontroverse

Luhmann und Habermas führten zusammen in Frankfurt Lehrveranstaltungen durch und veröffentlichten das Buch "Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie" (1971). Von diesem Moment an nahmen sie in ihren Werken häufig explizit oder indirekt aufeinander Bezug. So entstand ein wissenschaftlicher Streit zwischen den beiden, auch "Luhmann-Habermas-Kontroverse" genannt.

Auch wenn sich beide auf gemeinsame soziologische Väter wie Max Weber und Talcott Parsons berufen, entwickelten sie doch gegensätzliche theoretische Positionen, unterschiedliche Auffassungen von den Aufgaben der Wissenschaft und verwendeten zentrale Begriffe wie "System" und "Kommunikation" mit unterschiedlichen Bedeutungen (s. Abb.5.).


Abb.5: Luhmann-Habermas-Kontroverse Quelle: Berghaus 2004, 21.


(Mihaela Milanova)

Systemtheoretische Grundlagen und Grundbegriffe

Die folgende Darstellung der systemtheoretischen Begrifflichkeiten und Grundlagen konzentriert sich hauptsächlich auf die Konzepte, die den Kern der Luhmannschen Theoriebilden. Dies ist begründet durch die Tatsache, dass Niklas Luhmanns Theorie selbstreferenzieller autopoietischer Sozialsysteme als „die am weitesten fortgeschrittene und begrifflich komplexeste Fassung der Systemtheorie“ (Weber 2003, 206) gilt.

(Christa Weber)


Systeme und Systemtypen

Systeme

Jeder hat eine ungefähre Vorstellung davon, was ein ‚System’ ist, nämlich ein kompliziertes Gebilde, das geregelt funktioniert. Das System nach Luhmann „organisiert“, „selektiert“ und „operiert“. Systeme sind dynamisch und bestehen nicht aus Dingen, sondern aus „Operationen“. „Operationen sind die „Letztelemente der Systeme“ (Berghaus 2004, 39). Unter „Operation“ versteht Luhmann das Sich-Produzieren und Reproduzieren eines Systems. Biologische, Psychische und soziale Systeme (Nach Margot Berghaus sind nur diese drei Typen von Systemen von Bedeutung und deswegen lässt sie die Maschinen bei Seite bei der Erklärung von Luhmanns Systemtheorie.) operieren auf eine jeweils ganz charakteristische Weise: Biologische Systeme leben, psychische operieren in Form von Wahrnehmungs- und Bewusstseinsprozessen, und die sozialen Systeme kommunizieren. Die Operationen aller drei Systemtypen folgen den Leitprinzipien: „System-Umwelt-Differenz“ und „Autopoiesis“.

Nach Luhmann ist ein System auch immer etwas Zusammengesetztes. Es kann nie aus nur einem einzigen Element bestehen. Das bedeutet, dass nichts für sich ganz allein steht, alles ist mit anderem kombiniert und nur in dieser Zusammensetzung hinreichend zu beschreiben. Genau aus dieser Kombination verschiedener Elemente leitet sich auch das zweite Kriterium für die Bestimmung eines Systems ab. Zwischen den Elementen eines Systems bestehen Wechselwirkungen. Die Elemente eines Systems sind nicht einfach additiv nebeneinander aufgereiht, sondern in vielfältigen Relationen aufeinander bezogen. Das System ist sozusagen das Produkt aller Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Elementen. Wo es keine Wechselbeziehung mehr gibt, endet das System und beginnt seine Umwelt. Die Welt kann man darauf folgend in zwei Teile aufteilen: System und Umwelt.


(Mihaela Milanova)

Systemtypen

Luhmann unterscheidet zwischen Maschinen (s. o.), biologischen Systemen (Organismen, Zellen, Nervensystemen, Immunsystemen), psychischen Systemen (menschliches Bewusstsein) und sozialen Systemen; er beschäftigt sich aber überwiegend mit sozialen Systemen. Zu den sozialen Systemen gehören: Kommunikation als die Operationsweise der Gesellschaft und jedes soziale System; bestimmte Kommunikationsformen und Medien wie Sprache, Schrift, Druck und Funk; die Evolution der Kommunikation; die Öffentliche Meinung; die Massenmedien usw. Für Luhmann gehören die Menschen nicht zu den sozialen Systemen. Der Mensch ist ein Konglomerat verschiedener Systeme: sein Körper ist ein biologisches System, sein Bewusstsein ist ein psychisches System und soziale Systeme lassen sich in menschliche Handlungen dekomprimieren. Aber es existiert kein konkreter Systemtypus, der das vereint.

„Man kann nicht Menschen den Funktionssystemen derart zuordnen, dass jeder von ihnen nur einem System angehört, also nur am Recht, aber nicht an der Wirtschaft, nur an der Politik, aber nicht am Erziehungssystem teilnimmt. Das führt letztlich zu der Konsequenz, dass man nicht mehr behaupten kann, die Gesellschaft bestehe aus Menschen; denn die Menschen lassen sich offensichtlich in keinem Teilsystem der Gesellschaft, also nirgendwo in der Gesellschaft mehr unterbringen“. (Luhmann, „Die Gesellschaft der Gesellschaft“, 744.)

Die sozialen Systeme setzen sich nicht aus Handlungen zusammen, sondern aus Kommunikationen. Kommunikationen sind die elementaren Einheiten sozialer Systeme und in ihnen wird Sinn produziert. Die sozialen Systeme definieren sich nicht durch feste Einheiten, sondern durch die ständige Neuproduktion von Sinn. Nach Luhmann sind also Kommunikation und Sinn die elementaren Zentralbegriffe seiner Theorie und nicht „Akteure“ oder „Handeln“.


(Mihaela Milanova)

Systeme, Umwelt und Komplexität

Systeme und Umwelt

Abb.6: Die unerreichbare Welt wird systemrelativ zur Umwelt Quelle: Berghaus 2004, 41.


Systeme bestehen aus Elementen, die durch Relationen miteinander verbunden sind. Alles, was nicht zum System gehört, bezeichnet man als Umwelt des Systems. Umwelt ist nur etwas, was es allein in Bezug auf ein bestimmtes System gibt. Die Welt ist immer nur zugänglich als Umwelt aus der Sicht eines Systems. Die Welt existiert, wenn auch unerreichbar; sie ist keine Konstruktion unserer Einbildung. Welt kann eigentlich nur eine ohne Beobachter sein. Sobald ‚etwas’ unterschieden wird, wird sofort aus der Welt damit Umwelt. Unterscheidbar ist aber nur ‚etwas’, was als Möglichkeitspotenzial in der Welt vorhanden ist. Insofern ist die Umwelt eine Konstruktion des Systems. Erkenntnisse über die Welt lassen sich nur als Erkenntnisse über Umwelten von Systemen gewinnen (s. Abb.6.).

Jedes System existiert in einer Umwelt, die komplexer ist als das System selbst und von der es sich unterscheiden muss (Problem der System-Umwelt-Differenz). Systeme konstituieren und erhalten sich durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt. Umwelt gibt es nur durch das System. Die Umwelt ist die „Außenseite“ des Systems. Für jedes System ist demnach die Umwelt etwas anderes – z.B. für die Massenmedien sind Wirtschaft, Politik, Sport, usw. Umwelt: alles, worüber die Medien Informationen erarbeiten und öffentlich verbreiten. Die Umwelt ist größer und ungeregelter als das System. In der Umwelt können auch andere Systeme enthalten sein – aber aus der Sicht jedes Systems ist seine Umwelt ziemlich chaotisch und komplex.

(Mihaela Milanova)

Komplexität

Nach Luhmann ist die Funktion von Systemen die Reduktion von Komplexität. Soziale und andere Systeme reduzieren die komplizierte Umwelt, indem sie relativ begrenzte Handlungsmöglichkeiten festsetzen, und dadurch grenzen sich die Systeme von der Umwelt ab. Systeme verringern also die Komplexität der Umwelt.

Zwischen den Elementen eines Systems kann es eine größere oder kleinere Zahl von Wechselbeziehungen geben. Das „Netz“ zwischen den Elementen kann dichter oder weniger dicht geknüpft sein. Für diese Intensität der Vernetzung verwendet Luhmannden Begriff der Komplexität. Komplexität ist etwas ganz anderes als Kompliziertheit, obwohl die beiden Begriffe als Synonyme verwendet werden. Die Komplexität eines Systems ist von der Zahl der möglichen Relationen, die zwischen seinen Elementen bestehen, abhängig. Auch die Umwelt eines Systems kann mehr oder weniger komplex sein; es hängt von der Dichte der Vernetzung der Bestandteile eines Systems ab. Dabei gilt die Regel, dass die Komplexität eines Systems immer geringer ist als die Komplexität seiner Umwelt. Das System, das seine Existenz in der Umwelt bewahren muss, stellt nur eine so große Komplexität her, wie es braucht, um seine eigene Reproduktion sicher zu stellen. Wenn das System so viel Komplexität aufbauen will, wie seine Umwelt, wird das zu einer Energieverschwendung führen, da viele Wechselbeziehungen in der Umwelt keine Bedeutung für das Überleben des Systems haben. Das nennt Luhmann Komplexitätsreduktion. Komplexitätsreduktion bedeutet, dass sich das System nur auf bestimmte Abläufe in der Umwelt konzentriert, weil es nur einen Ausschnitt der Umwelt und nicht die ganze Umwelt bearbeiten kann. Ein System, das die Komplexität seiner Umwelt reduziert, kann man mit dem menschlichen Auge vergleichen, das auch nur ein begrenztes Spektrum an Wellenlängen registrieren und verarbeiten kann.


(Mihaela Milanova)

Doppelte Kontingenz und Sinn

Kontingenz

Der Begriff Kontingenz stammt aus der scholastischen Philosophie. Kontingenz bedeutet zunächst, dass etwas, das so sein kann, wie es ist, auch anders möglich ist. In Bezug auf soziales Handeln bedeutet einfache Kontingenz, dass das Handeln eines Interagierenden von vielen verschiedenen Faktoren abhängt und er sich deshalb vieler möglicher Handlungsalternativen bedienen kann. Doppelte Kontingenzist bei Interaktionspartnern die Erfahrung, dass ihre Handlungenund ihr Erlebenvon Handlungen des anderen wechselseitig voneinander abhängen. Diese Erfahrung doppelter Kontingenz ist jeder Kommunikation und jedem Handeln vorausgeschaltet. Sie beschreibt die Tatsache, dass der Erfolg des sozialen Handelns nicht nur vom Tun (bzw. Nicht-Tun) eines Handelnden abhängt, sondern auch vom Handeln des Interaktionspartners und von den gegenseitigen Erwartungen beider Handelnden. Beide, bei Luhmann Alter und Ego genannt, sind füreinander schwarze Boxen und die Vielzahl von möglichen Handlungen, die durchgeführt werden könnten, lässt einen Zustand von Unordnung entstehen. Handeln kann nicht zustande kommen, wenn beide ihr Handeln von den Reaktionen und Handlungsmöglichkeiten des anderen abhängig machen. Allerdings teilen Alter und Ego die Erfahrung der permanenten Existenz von doppelter Kontingenz und versuchen ihr entgegenzuwirken. Luhmann geht davon aus, dass der Zufall Ordnung aus Chaos schafft, da Alter und Ego versuchsweise handeln und abwarten, wie die Reaktion des anderen aussieht, ob er eine Handlung anschließen kann. In der doppelten Kontingenz ist somit auch direkt ein Ansatz zur Lösung des Problems enthalten. Sie ist der Ausgangspunkt für die Bildung sozialer Systeme. Innerhalb von Systemen werden Handlungen, die an andere Handlungen anschließen, festgehalten und fortgeführt. Systembildung beschränkt sozusagen die Kontingenz von Handlungsalternativen. So entsteht Ordnung durch das System und der Mensch wird vom Druck befreit, diese Ordnung selbst herstellen zu müssen.


Verschiedene Wissenschaftler haben das Problem der doppelten Kontingenz auf unterschiedliche Art und Weise zu lösen versucht. Parsonsversucht es mit der Einführung von Begriffen wie Wertekonsens, langfristige Strukturen und Tradition. Diese Kategorien fungieren als Orientierungspunkte für das Handeln und reduzieren somit die erwartbaren möglichen Handlungen und Reaktionen. Der grundlegende Konsens zu Normen und Werten erzeugt eine gewisse Vorhersehbarkeit von Handlungsweisen. Arnold Gehlensieht die Lösung des Problems in der Einrichtung von sozialen Institutionen. Diese fungieren ebenfalls als Orientierungsgrößen, die den Menschen entlasten, weil sie Handlungsmöglichkeiten bündeln und somit in ihren Rahmen Ordnung herstellen. Bei Niklas Luhmannentsteht Ordnung dagegen zufällig aus dem Chaos heraus durch Bildung eines Systems gegenseitig aufeinander bezogener Erwartungen und wird dadurch, dass bestimmte anschließbare Handlungen festgehalten und fortgeführt werden, zu einem sozialen System.


Sinn

Sinn ist nach Meinung Luhmanns der Grundbegriff der Soziologie. Sowohl psychische als auch soziale Systeme operieren mit der Hilfe von Sinn. Die Fülle an Möglichkeiten und Handlungsalternativen in der Welt verlangt nach einem Instrument zur Selektion und Strukturierung des Möglichen. Sinn ist die Ordnungsform sozialen Handelns. Alle autopoietischen Systeme verarbeiten Komplexität und Selbstreferenz in Form von Sinn. Sinn ist folglich das allgemeine Medium aller sozialen Systeme. Die Konstitution sinnhafter Symbole unterstützt die Selektion von Umweltereignissen, die relevant für systeminterne Operationen werden können. „Die Beziehung zwischen Sinn und System ist demnach eine doppelte: Systeme sind sinnkonstituierende und sinnkonstituierte Gebilde. Sie erzeugen kontinuierlich systemspezifischen Sinn und werden doch selbst erst durch die Ausbildung bestimmter abgrenzbarer Sinnstrukturen in Existenz gebracht.“ (Willke 1991, 36). Sinngrenzen ermöglichen die kontinuierliche Selbsterzeugung innerhalb der Systemgrenzen, also operative Geschlossenheit.

(Christa Weber)


Realität und Beobachtung

Beobachtung als Differenz

Der Beobachtungsbegriff, wie er in der Systemtheorie verwendet wird, weicht stark von unserem alltäglichen Verständnis von Beobachtungab. Es sind nicht Menschen, die Beobachten, sondern Systeme. Beobachten heißt zunächst immer eine Unterscheidung zu treffen und in einem zweiten Schritt das Unterschiedene zu bezeichnen. Beobachten ist somit laut Luhmann die Einheit der Differenz von Unterscheidung und Bezeichnung. Dieser Teil seiner operativen Logik geht zurück auf Überlegungen von George Spencer Brown, der an den Anfang aller Systembildung die Unterscheidung und die Bezeichnung des Unterschiedenen stellt. Dabei kann immer nur eine der bezeichneten Seiten gesehen werden, nicht beide zugleich. Allerdings ist es möglich die Perspektive zu wechseln und die andere Seite des Bezeichneten zu sehen. Diesen Wechsel über die Grenze der Unterscheidung hinweg bezeichnet #George Spencer Brown als crossing.


Beobachtung als Konstruktion

Das Treffen der Unterscheidung ist ein zufälliger Akt, daher ist Beobachten immer gleichzeitig auch Konstruktion von Wirklichkeit und somit ein konstruktiver Akt (operativer Konstruktivismus). Systeme sind aufgrund einer Unterscheidung entstanden, die irgendwann einmal getroffen wurde. Sie existieren wirklich, sie sind empirisch nachweisbar und können deshalb real in der Wirklichkeit beobachtet werden. Allerdings ist ihnen Welt bzw. Realität nur kognitiv zugänglich über den Weg der Erkenntnis und Erkenntnis ist immer die Konstruktion eines Unterschieds. Beobachtete Realität bleibt daher immer konstruierte Realität, ein beobachter- und beobachtungsabhängiger Sachverhalt. Das Beobachten bzw. das Unterscheiden ist der Beitrag der beobachtenden Systeme, dem in der Welt nichts entspricht. Die Kategorien, die Systeme beim Beobachten ihrer Umwelt anwenden, „schränken das Spektrum des Sichtbaren ein und bestimmen die Art und Weise, in der das Beobachtete gesehen wird.“ (Münch 2004, 201).


Beobachtung als Operation sozialer Systeme

Luhmann unterscheidet zwischen den beiden Begriffen Beobachten und Beobachter. Beobachten ist eine Operation. Ein Beobachter ist immer ein System, kein Mensch. Der Mensch als Garant für Handeln und Erkenntnis wird bei Luhmann aufgegeben, seine Systemtheorie ist sozusagen antihumanistisch. Der Beobachter als System bildet sich, wenn Operationen sich zu Sequenzen verketten, die sich von der Umwelt unterscheiden lassen. Ein Beobachter beobachtet die Welt nicht von oben oder von außerhalb, sondern er befindet sich mitten in der Welt. Die Unterscheidung zwischen System und Umwelt ist nur eine bestimmte Operation bzw. eine Art zu beobachten. Sie ist allerdings enorm wichtig für Systeme, die erst durch die Unterscheidung bzw. durch das Festlegen einer Sinngrenze ihre Umwelt beobachten können.


Ebenen der Beobachtung

Beobachtung kann auf verschiedenen Ebenen erfolgen, denn ein Beobachter erster Ordnung kann nur das sehen, was er beobachtet, aber nicht wie er beobachtet. Das kann nur ein Beobachter zweiter Ordnung leisten, der außerhalb der ersten Beobachtung steht. Der wiederum sieht nicht, welche Unterscheidung er innerhalb seiner Beobachtung des ersten Beobachters trifft. Ein Beobachter kann also nie direkt sich selbst beobachten, deshalb gibt es bei jeder Beobachtung einen blinden Fleck. Blinder Fleck heißt folglich, „dass eine Unterscheidung, die zum Zweck des Beobachtens getroffen wird, sich nicht wieder selbst beobachten kann.“ (Reese-Schäfer 2001, 38). Das Beobachten ist somit zusätzlich paradoxund tautologisch. Ein beobachtendes System kann nur sehen, „was es mit dieser Unterscheidung sehen kann. Es kann nicht sehen, was es nicht sehen kann.“ (Reese-Schäfer 2001, 63). Das ist die Tautologie der Beobachtung. Das Beobachten ist für Systeme eine grundlegende Operation, denn #Systeme beobachten ihre Umwelt und machen ihre Beobachtung der Differenz intern zur Grundkategorie für ihre systemeigenen Operationen. Dieser Wiedereintritt der Unterscheidung in das Systeminnere wird als re-entry bezeichnet. Beobachtung ist somit selbstreferentiell, sie bezieht sich auf sich selbst. Sie ist auch paradox, denn die Unterscheidung zwischen System und Umwelt ist im System selbst enthalten, obwohl die Umwelt erst durch diese Unterscheidung des Systems existiert. Zu diesen Widersprüchlichkeiten innerhalb seiner eigenen Theorie äußert Luhmann, dass „eine Theorie, die Widersprüche einfach nur als logische Fehler betrachtet, […] Gefahr [laufe], auch die Theoriegegenstände, die Widersprüche enthalten, aus dem Bereich möglicher Erkenntnis auszuschließen.“ (Reese-Schäfer 2001, 67). Die Systemtheorie bietet mit ihren Ausführungen zur Beobachtung sozusagen ein Programm zur Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung der Gesellschaft.

(Christa Weber)


Autopoiesis

Autopoiesisist ein Kunstwort, gebildet aus den griechischen Begriffen autos (selbst) und poiesis (Schöpfung). Geprägt wurde es durch den Biologen Humberto Maturana, der es bei der Erforschung von Organismen zur Beschreibung der Selbsterhaltung von Zellen eingesetzt hat. Luhmann hat dieses Konzept übernommen und auf seine systemtheoretischen Überlegungen übertragen. Die Idee der Autopoiesis löst bis dahin geltende Vorstellungen ab und führt von der früheren Konzentration auf die Beziehung zwischen Teilen und Ganzem und der späteren Betonung von System-Umwelt-Differenz zu einem neuen Forschungsparadigma innerhalb der Systemtheorie.


Selbstkonstitution und Reproduktion

Die frühere Unterscheidung zwischen offenen und geschlossenen Systemen wird nach der so genannten autopoietischen Wende durch die Unterscheidung zwischen allopoietischen und autopoietischen Systemen ersetzt. Allopoietische Systeme sind so genannte Trivialmaschinen, die Informationen nach einem von außen festgelegten Programm der internen Informationsverarbeitung von bestimmten Inputs in Outputs umformen. Solche Maschinen sind nicht auf die Erhaltung ihrer eigenen Struktur, sondern auf die Herstellung eines Produkts nach von außen vorgegebenen Anweisungen ausgerichtet. Autopoietische Systeme erzeugen und steuern sich dagegen selbst aus ihrem Innern heraus. Sie erzeugen selbst die Elemente, aus denen sie bestehen, und stellen die Verknüpfungen zwischen den Elementen her. Somit sind psychische und soziale #Systeme autopoietisch, denn sie konstituieren sich aus ihren eigenen Elementen, aus Gedanken und aus Kommunikation. Kommunikationen als Elemente autopoietischer, sozialer Systeme sind sinnhafte soziale Ereignisse. Diese sind zwar nur vorübergehender Art, aber sie sind aneinander anschließbar. Die Herstellung dieser Elemente erfolgt nicht aus dem Nichts, sie werden nur aufgrund von Irritationen aus der Umwelt produziert.


Operative Geschlossenheit

Die Systemelemente werden durch das Medium des Systems bereitgestellt. Autopoietische Systeme sind operativ geschlossen, kognitiv offen, strukturdeterminiert, umweltangepasst und reproduzieren sich temporär. Sie aktualisieren sich augenblicklich durch den Anschluss von neuer Kommunikation. Umweltkomplexität wird mit systemeigenen Begriffen erfasst, verarbeitet und reduziert. Die Systemoperationen finden in den Grenzen des durch die Systemelemente abgegrenzten Systems statt. Durch Autopoiesis können #Systeme also ihre Identität bewahren bei gleichzeitiger Abhängigkeit von der sie umgebenden Umwelt. Irritation durch ein Umweltereignis ist zwar möglich und auch für den Fortbestand des Systems wichtig, denn aus einem solchen Ereignis in der Systemumwelt kann eine Information gewonnen werden, die Relevanz für das System besitzt. Diese Information wird aber nur nach Regeln des Systems aufgenommen und ist kein von außen vorgegebener Input. Die informationelle Offenheit beruht demnach auf einer gleichzeitigen informationellen und operationellen Geschlossenheit des Systems. Ein System erzeugt auf Grundlage seiner Elemente in Beobachtungseiner Umwelt für sich operativ relevante Informationen. Ein System ermöglicht und begrenzt sich gleichzeitig in seinen Operationen durch die Umwelt, gegen die es sich als System unterscheidet. Zusammengefasst beschreibt Autopoiesis „die Fähigkeit der Systeme, die Umweltkomplexität in ihren eigenen Begriffen zu erfassen und zu verarbeiten und so ihr bedrohliches Wesen in systemische Ressourcen zur Selbstproduktion und Reproduktion zu verwandeln.“ (Münch 2004, 207).


Selbstreferenz und Fremdreferenz

Selbstreferenz ist neben #Autopoiesis das Hauptkonzept der neuen Luhmannschen Systemtheorie. Systeme (nach der autopoietischen Wende) sind selbstreferentiell und operativ geschlossen. Selbstreferenz bedeutet, dass die Operationen und Elemente eines Systems sich auf das System selbst beziehen. Es geht also um den „permanenten Bezug von Elementen des Systems auf andere Elemente des Systems.“ (Weber 2003, 205). Systeme müssen sich selbst beobachten, denn ihre Beobachtungen sind für den Erhalt des Systems notwendig. Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sind wiederum Teil des Systems selbst. Sie sind immer Teil dessen, was sie beschreiben. Operative Geschlossenheit meint, dass Operationen nur nach systemeigenen Regeln erfolgen. Umwelteinflüsse werden nach systemeigenen Operationsweisen verarbeitet. #Systeme können dennoch oder gerade aus diesem Grund umweltoffen sein, denn sie brauchen Informationen aus der Umwelt, um neue Elemente zu erzeugen und um nicht irgendwann in ihren eigenen Operationen zu erstarren. Auf diese Weise kann Fremdreferenz in das System einbezogen werden, ohne dass es seine Autonomie verliert. Der Unterschied zwischen System und Umwelt wird dabei immer wieder neu geschaffen und in den Systemoperationen wiederholt.

(Christa Weber)


Systeminterne Strukturen

Die selbstreferenziellen Operationen eines Systems werden durch seine innere Strukturierung und die Wiederholung seiner Differenz zur Umwelt aufrechterhalten. Der binäre Code, die Programme und die systeminternen Prozesse organisieren die Selbstreferenz eines Systems auf drei unterschiedlichen Ebenen.


Code

Der binäre Code ermöglicht die Unterscheidung zwischen Systemzugehörigem und Nichtzugehörigem (z.B. wahr/nicht wahr im Wissenschaftssystem). Er sichert die operative Schließung des Systems, denn er ist die leitende Differenz, an der sich alle systeminternen Operationen orientieren. Der Code sichert die Funktionsfähigkeit eines Systems. Innerhalb des Systems Wirtschaft ist Geld das Kommunikationsmedium, das binär codiert ist in Zahlen/Nichtzahlen. Innerhalb des Wissenschaftssystems ist Wahrheit das Medium. Sie ist ebenfalls binär codiert und zwar in wahr/unwahr. Der allgemeine Code für jedes soziale System ist Kommunikation/Nicht-Kommunikation, denn Kommunikation ist das Medium sozialer Systeme. Psychische Systeme operieren im Medium des Bewusstseins, ihr Code lautet Gedanke/Nicht-Gedanke. Die Codierung von autopoietischen Systemen verhält sich co-evolutionär zur funktionalen Differenzierungder Gesellschaft in ihre Teilsysteme. Jedes System, das neu entsteht, braucht einen Code zur Erhaltung seiner überlebensnotwendigen System-Umwelt-Differenz und zur Erfüllung seiner spezifischen Funktion.


Programme

Programme sind Zuordnungshilfen bzw. Abfolgen generalisierter Erwartungen. Sie helfen bei der Überprüfung des Codes, indem sie Hilfestellung geben bei der Einordnung von Kommunikationen. Der Code selbst schreibt nämlich nicht fest, was beispielsweise recht ist und was unrecht. Das Programm des Rechtssystems ist daher das Gesetz, das Programm einer Diskussion ist ihr Thema. Die Kunstdogmatik ist das Programm des Kunstsystems. Programmierung ist in gewissem Sinne Selbst- oder Fremdsteuerung von Systemen. Die Programmierung kann durch ein System selbst erfolgen, aber auch von einem anderen System ausgehen. Programme sind sehr viel weniger stabil als der Code eines Systems. Daher können sie auch von anderen Systemen verändert werden. Der Code allerdings bleibt immer die übergeordnete Differenz des Systems, wird er verändert, dann bricht das System zusammen und hört auf zu existieren.


Prozesse

Prozesse müssen von Programmen unterschieden werden. Prozesse sind die fortschreitenden Operationen des Systems, die Kommunikationsereignisse, die zeitlich aufeinander aufbauen und aneinander angeschlossen werden. Programme bieten Hilfen für eine Vorauswahl anschließbarer Kommunikationsereignisse, in den systemeigenen Prozessen wird innerhalb dieser vorstrukturierten Ereignisse nach Anschlussmöglichkeiten gesucht.


Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien

Luhmann unterscheidet innerhalb seiner Theorie der Kommunikationsmedien zwischen Verbreitungsmedien und Erfolgsmedien. Innerhalb dieser Medien wird die Auswahl von sinnhafter Kommunikationermöglicht. Durch die Entwicklung der Reichweite solcher Medien hat die Gesellschaft im Laufe der Geschichte bereits zahlreiche Entwicklungsschübe erfahren. Verbreitungsmedien sind Schrift, elektronische Medien, Buchdruck, usw. Das grundlegende Medium, durch das Sinn transportiert wird, ist aber weiterhin die Sprache. Erfolgsmedien sind symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien. Sie ermöglichen den Anschluss von Kommunikation unabhängig von Ort, Zeit und Personen über große Distanzen hinweg. Die Funktion symbolisch generalisierter Medien ist es, den Systemen in der Umwelt eines in einem bestimmten Medium operierenden Systems in Form von Personen oder Organisationen die Teilnahme an der Kommunikation zu ermöglichen.

Abb.7: Schema der Kommunikationsmedien im Rahmen der Systemtheorie Niklas Luhmanns Quelle: Berghaus 2004, 115.


Medien ermöglichen somit eine Form von loser Kopplung zwischen den verschiedenen Gesellschaftssystemen. Das symbolisch generalisierte Medium der Wirtschaft ist das Geld, das binär codiert ist in Zahlen/Nichtzahlen. Weitere Erfolgsmedien anderer gesellschaftlicher Teilsysteme sind Macht, Liebe, Recht, Wahrheit und Moral. Sie sind ebenfalls binär codiert um #Komplexität reduzieren zu können und Anschließbarkeit von Kommunikationen zu gewährleisten. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind „Katalysatoren für die Ausdifferenzierung geschlossener Funktionssysteme.“ (Münch 2004, 219). Sie gewährleisten die notwendigen Austauschbeziehungen zwischen Systemen, aber ihre binäre Codierung sichert gleichzeitig die Grenze zwischen System und Umwelt, so dass nur Eintritt in das System findet, was nach den Regeln des Systems in anschlussfähige #Kommunikation umgewandelt werden kann.

(Christa Weber)


Kommunikation

Anschlussfähigkeit

Soziale Systeme sind Teilsysteme der Gesellschaft und operieren durch Kommunikation. Diese ist das Letztelement aller sozialen Systeme. Da die Gesellschaft im Ganzen auch ein soziales System darstellt, ist Kommunikation das Element, aus dem sich die Gesellschaft konstituiert und reproduziert. Zwischen Gesellschaft und Kommunikation besteht sozusagen ein zirkuläres Verhältnis, denn die Gesellschaftist „ein sich selbst beschreibendes System, das seine eigenen Beschreibungen enthält.“ (Reese-Schäfer 2001, 13). Soziale Systeme unterscheiden sich voneinander durch die Art und den Gegenstand ihrer Kommunikation. Sie nutzen verschiedene symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien,um anschlussfähige Kommunikationen für das System zu generieren. Vor der autopoietischen Wende in Luhmanns Theorie hat er soziale Systeme als Einheiten von sozialen Interaktionen und sozialen Rollen begriffen. Nach dem Paradigmenwechsel bestehen soziale Systeme nur aus Kommunikationen, die allerdings als Handlungenkonkretisiert werden, die auf Personen zurechenbar sind. Dieser Schritt ist notwendig um Kommunikationen für die Systeme beobachtbar und somit anschließbar zu machen. Soziale Systeme reproduzieren sich selbst durch die Reproduktion von Kommunikation, wozu Anregungen für anschlussfähige Kommunikation aus der Umwelt gebraucht werden. Das allgemeine symbolisch generalisierte Medium von Kommunikationen in sozialen Systemen ist #Sinn. Durch Auswahl von Sinn werden anschlussfähige Kommunikationen generiert. Da #doppelte Kontingenz der Ausgangspunkt für die Bildung sozialer Systeme ist und diese aus Kommunikationen bestehen, ist doppelte Kontingenz auch die Ausgangslage jeder Kommunikation. Wiederholbare oder verknüpfte Kommunikationen ermöglichen daher eher Anschließbarkeit, da sie Ordnung in die Operationen von Systemen bringen. Anschließbare Kommunikation ist gleichsinnige Kommunikation und hat nichts mit Verständigung oder gar Konsens zu tun. Denn in der Selektion von Sinn schwingt immer auch gleichzeitig mit, was alternativ möglich ist, wodurch Komplexitätwieder gesteigert wird. Es handelt sich also nicht um Konsens, sondern um Differenz zwischen der Selektion und ihren Alternativen. „Kommunikation ist nicht auf Konsens angelegt, auch nicht auf Dissens; Kommunikation ist Differenz.“ (Berghaus 2004, 90).


Kommunikation und Handeln

Kommunikationist bei Luhmann eine Synthese aus drei verschiedenen Selektionen. In einem konkreten Kommunikationsakt wird aus verschiedenen Informationen ausgewählt, die Art der Mitteilung selektiert und die mitgeteilte Information auf unterschiedliche Weise verstanden. Kommunikation ist also die Einheit der Differenz aus Information, Mitteilung und Verstehen. Sie liegt nur vor, wenn auch alle drei Selektionen vorliegen. Dementsprechend sind für Kommunikation mindestens zwei Personen notwendig. Die Beschreibung von Kommunikation als dreiteiligem Selektionsprozess macht nachvollziehbar, warum Luhmann Kommunikation als unwahrscheinlich beschreibt, denn Kommunikation setzt ein verstehendes System voraus, an dessen Operationsweise sie gebunden ist. Das Verstehen vorausgegangener Kommunikation ist notwendig um an diese Kommunikation anschließen zu können. Aus der Anschlusskommunikation geht hervor, was und wie verstanden wurde. Verstehen ist somit ein Element der Kommunikation und nicht des Bewusstseins. Kommunikation und Bewusstsein operieren somit absolut überschneidungsfrei. Daher gilt, dass nur soziale #Systeme kommunizieren können, Menschen nicht. Auch psychische Systeme können nicht kommunizieren. Luhmann setzt sich mit diesem Kommunikationsbegriff weiter von der Handlungstheorie (Handlungstheorien) ab, denn Kommunikation wird bei ihm nicht als Resultat des Handelns eines Individuums verstanden.


Der Begriff Handlung wird dennoch nicht komplett aus der Theorie sozialer Systeme verbannt. Luhmann unterscheidet zwischen Handelnund Erleben. Kommunikation ist innerhalb der Systemtheorie die elementare Einheit der Selbstkonstitution sozialer Systeme, die als solche nicht beobachtbar ist. Handeln dagegen ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung sozialer Systeme und ist beobachtbar. Handeln ist außerdem die selektive Art des Mitteilens einer Information. Das Mitteilen einer Information gilt als Handeln, das Verstehen der mitgeteilten Information als Erleben. Somit ist der Handlungsbegriff stärker als in Luhmanns frühem Werk vom Kommunikationsbegriff her verortet. Psychische Systeme sind in Form von Personen an Kommunikationen beteiligt, diese Beteiligung kann als Handeln oder als Erleben den Personen zugerechnet werden. Soziale Systeme beobachten sich daher als Handlungssysteme, obwohl sie aus Kommunikation bestehen.

Obwohl bei Luhmann der Begriff der Person auftaucht, sind Handeln und Kommunikation vom Subjekt losgelöst. Personen sind reine Identifikationspunkte, die als Orientierungsmarken für die Anschließbarkeit von Kommunikationen fungieren. „Soziale Systeme reduzieren Kommunikation auf Mitteilung und rechnen diese dann als Handlung einzelnen Personen zu; auf diese Weise sichern sich soziale Systeme Identifikationspunkte, auf die sie sich im fortlaufenden Kommunikationsprozess beziehen können.“ (Kneer; Nassehi 1993, 89).

(Christa Weber)


Beziehungen zwischen Systemen

Interpenetration

Autopoietische Systeme sind nach Luhmann operativ geschlossene Systeme, die nur nach eigenen Regeln operieren. Trotzdem sind empirisch gesehen Beziehungen zwischen einzelnen Sozialsystemen der Gesellschaft feststellbar. Für die Systemtheorie stellt sich daher die Frage, wie dieses Phänomen des Kontaktes zur Umwelt bzw. zu anderen Systemen in der Umwelt möglich ist, ohne das Konzept der #Autopoiesis zu widerlegen. Als Lösung bietet Luhmann die beiden Begriffe strukturelle Kopplung und Interpenetration an. Der Begriff Interpenetration findet sich schon bei Parsons und wird von Luhmann verwendet, um die Beziehung zwischen bestimmten Systemen zu beschreiben. Er bedeutet die wechselseitige Durchdringung von zwei Systemen mit den jeweils fremden Leistungsanforderungen des anderen Systems. Interpenetration liegt vor, wenn „Systeme sich wechselseitig dadurch ermöglichen, dass sie in das jeweils andere ihre vorstrukturierte Eigenkomplexität einbringen.“ (Reese-Schäfer 2001, 82).

#Programme und Strukturen werden dabei von den Systemen imitiert, dennoch können beide ihre Identität und operationale Geschlossenheit bewahren. Interpenetration ist sozusagen eine co-evolutive Verbindung zweier Systeme. Sie liefert notwendige Ressourcen für den Erhalt systeminterner Operationen. Dabei könnte kein System ohne das andere weiter existieren.

Als Interpenetration kann die Beziehung zwischen psychischen und sozialen Systemen gelten. Beide brauchen einander in bestimmten Fällen zur Aufrechterhaltung ihrer eigenen Operationen. Psychische Systeme operieren auf der Grundlage von Bewusstsein, ihre Elemente sind Gedanken, die im Medium der Sprache geäußert werden. Die Sprache wird auch von sozialen Systemen wie beispielsweise bei Diskussionen als Medium genutzt, strukturelle Kopplung erfolgt hier also über die Sprache. #Sinn ermöglicht hier die Interpenetration, weil Sinn das Sichverstehen und das Sichfortsetzen von Bewusstsein in Kommunikation und das Zurückrechnen von Kommunikation auf die beteiligten Personen möglich macht. Interpenetration bedeutet in diesem Fall, dass die daran beteiligten Systeme ihre Autonomie nur halten können, indem sie #Selbstreferenz mit Fremdreferenz kombinieren.


Strukturelle Kopplung

Abb.8: Strukturelle Kopplung zwischen gesellschaftlichen Funktionssystemen nach Niklas Luhmann Quelle: Münch 2004, 214.

Der Begriff strukturelle Kopplunggeht ebenso wie das Konzept der Autopoiesis auf den Kognitionsbiologen Humberto Maturanazurück und dient zur Beschreibung von Systembeziehungen. Der Begriff taucht schon Anfang der 90er Jahre im Luhmannschen Werk auf. Strukturelle Kopplung bedeutet, dass Ereignisse in der Umwelt eines Systems, also auch Ereignisse aus anderen Systemen, nach Maßgabe der systemeigenen Möglichkeiten beobachtet und in eigene Operationen umgesetzt werden können. Dadurch können sich zwei oder auch mehrere Systeme aufeinander beziehen ohne ihre Unabhängigkeit aufgeben zu müssen. Er stellt keine Gefährdung für die Grundidee der #Autopoiesis dar, denn Systeme operieren auch bei Kopplung an ein anderes System weiterhin autonom und autopoietisch. Wechselseitige Irritationen zwischen Teilsystemen werden durch strukturelle Kopplungen sozusagen geordnet.


Psychische oder soziale Systeme können sich nur über eine strukturelle Kopplung über das Medium der Person aufeinander beziehen. Insofern haben Akteure auch innerhalb der Systemtheorie einen bestimmten Stellenwert, da ihnen in Form der Person, als Individuum in Interaktionssystemen oder als Kollektiv in Organisationssystemen, Handlungen zugerechnet werden, die sonst von den Systemen nicht beobachtet werden könnten. Strukturelle Kopplung vermeidet Überschneidung zwischen den gesellschaftlichen Funktionssystemen. Wechselseitige Irritationen werden dadurch in eine für beide Seiten geordnete Form gebracht. Systeme bleiben strikt voneinander getrennt. Bei struktureller Kopplung ist die Beziehung zwischen den gekoppelten Systemen weniger eng als bei einer Interpenetration. Der Ausdruck #Interpenetration beschreibt eine stärkere wechselseitige Abhängigkeit zwischen zwei Systemen, die bei Auflösung den Fortbestand beider Systeme gefährden würde.


(Christa Weber)

Sozialer Wandel

Funktionale Differenzierung

Funktionale Differenzierungist der „Kernbestandteil der Luhmannschen Systemtheorie von ihren Anfängen bis zur Gegenwart.“ (Krause 2001, 40). Funktionale Differenzierung kennzeichnet eine mögliche Form der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung neben der segmentären, der Differenzierung in Zentrum und Peripherie und der stratisfaktorischen Differenzierung. Unter segmentärer Differenzierung versteht man die Wiederholung von Gruppenbildungen, die immer dieselbe Funktion erfüllen. Ein Beispiel für diese Art der gesellschaftlichen Differenzierung sind Stammesgesellschaften, die aus Familien oder Klans zusammengesetzt sind. Ausdifferenzierung in Zentrum und Peripherie liegt bei archaischen Hochkulturen vor, beispielsweise in Ägypten, wo die Gesellschaft sich eindeutig in einer einzelnen bedeutenden Stadt zentriert. Eine stratisfaktorisch ausdifferenzierte #Gesellschaft gibt es im europäischen Mittelalter. Die dort existierende Ständegesellschaft weist eine starke Hierarchisierung der Gesellschaft bei unterschiedlichen Funktionen der verschiedenen Stände auf. Als Folge der funktionalen Ausdifferenzierung entstehen gesellschaftliche Teilsysteme, denen unterschiedliche Funktionen zugeschrieben werden können. Bei dieser Art der Differenzierung operieren die Teilsysteme auf derselben Ebene ohne hierarchische Beziehung zueinander. Diese Form der Differenzierung ermöglicht das Erfassen der größtmöglichen Menge an Komplexität. Die Integration der Teilsysteme erfolgt durch ihre funktionale Differenzierung, denn dadurch erfassen sie gegenseitig ihre vorstrukturierte Komplexität.


Luhmann beschreibt unsere moderne Gesellschaft als funktional differenziert und bezeichnet sie sogar als Weltgesellschaft, in der sich für die Gesamtheit aller im System der Weltgesellschaft geführten Kommunikationen Funktionssysteme ausgebildet haben. Weltgesellschaft ist „der Gesamthorizont“ (Reese-Schäfer 2001, 19) aller miteinander vernetzter Kommunikationen. Somit ist die Kunst nicht allein die Kunst in Bezug auf Deutschland beispielsweise, sondern sie ist das Kunstsystem der Weltgesellschaft. Allein für das politische System nimmt Luhmann eine Subdifferenzierung in Nationalstaaten an. Die angenommene große Reichweite der von Luhmann erwähnten symbolisch generalisierten Kommunikationsmedienunterstützt dieses Postulat einer Weltgesellschaft.


Gesellschaftliche Ausdifferenzierung in Form von Arbeitsteilung reagiert einerseits auf eine immer komplexer werdende Welt, andererseits wird durch die Differenzierung in Teilsysteme gleichzeitig Komplexität erhöht. Hohe Umweltkomplexität erfordert eben auch hohe Eigenkomplexität. Um diese Komplexität aufzufangen, bilden sich strukturelle Kopplungen zwischen den Systemen aus. Eine entscheidende Konsequenz der Ausdifferenzierung in Funktionssysteme ist, dass der Mensch in vielen Fällen nicht mehr eindeutig einem einzigen Teilsystem zugeordnet werden kann, weil er an verschiedenen Kommunikationen teilnimmt. Aus diesem Grund wird der Mensch durch Exklusionaus der Gesellschaft ausgewiesen und der Umwelt zugerechnet. Aber „in der Form der Person ist der Mensch in vielen Hinsichten dann wieder als an Gesellschaft selektiv und temporär beteiligt zu beobachten.“ (Krause 2001, 89).


Gesellschaft

Die Gesellschaft ist ein auf Basis von #Kommunikation operativ geschlossenes Sozialsystem. Funktionen werden für die Gesellschaft erfüllt, es handelt sich dabei um potentiell gesicherte Leistungen. Leistungen sind die tatsächlich aktuell erbrachten Leistungen und werden somit für andere Funktionssysteme erfüllt. Austauschbeziehungen zwischen Systemen lassen sich daher nur auf der Ebene von Leistungen beobachten.


Funktionale Differenzierung ist das Kennzeichen moderner Gesellschaften. Wir beobachten unsere gegenwärtige Gesellschaft in erster Linie als funktional differenzierte Gesellschaft. Gesellschaftliche Funktionssysteme sind codegeführte, ausdifferenzierte soziale Systeme mit spezifischer Kommunikation und spezifischer gesellschaftlicher Funktion. Die Gesellschaft besteht also nicht aus Menschen, sondern aus Systemen. Sie ist nicht von außen beobachtbar, nur von innen. Sie ist nicht territorial oder regional abgrenzbar. Gesellschaft ist ein autopoietisches Systembestehend aus #Kommunikation. Psychische und lebende Systeme bilden ihre externe Umwelt. Gesellschaft ist immer momenthaft aktualisierte Kommunikation. Sie ist die Gesamtheit der füreinander erreichbaren Kommunikationen und gleichzeitig eine in kommunikative Einheiten differenzierte Einheit.


Evolution

Mit Hilfe einer Evolutionstheorie innerhalb der Systemtheorie versucht Luhmann zu erklären, wie es überhaupt zu ausdifferenzierten Systemstrukturen kommt. Evolution ist ein nicht absichtsvoll und nicht geplant verlaufender Prozess der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie verläuft mehr oder weniger zufällig und außerdem auch in Richtung von Herstellung zunehmender Komplexität.


Evolution wird geprägt durch die Prozesse der Variation, Selektion und der Restabilisierung. Variation meint das ungeplante Entstehen von neuen Gedanken, Regeln, Institutionen, etc. Unter Selektion wird hier die Auswahl des Neuen zum weiteren Gebrauch verstanden. Die Selektion hängt davon ab, ob es von der Umwelt aufgegriffen wird oder sich an die Umwelt anpassen kann. Unter Restabilisierung versteht man, dass Störungen und Widersprüche durch das Neue bewältigt werden. Neues muss in systemeigene Strukturen überführt werden können, um Teil des Systems und damit Teil der Gesellschaft zu werden. Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in ihre Teilsysteme ist in Bezug auf Evolution zu verstehen als Entstehung von Problemlösungen für die Bewältigung gesellschaftlich zunehmender und sich zunehmend unterscheidender, sinnhafter Kommunikationen. Evolution bedingt immer neue Systemunterscheidungen. Evolution ist die Ausdifferenzierung von #Kommunikation, die letztendlich zur Begründung funktional spezifischer Teilsysteme beiträgt.


Vertikale Differenzierung

Neben der Ausdifferenzierung in verschiedene Funktionssystemegibt es die Möglichkeit der vertikalen Differenzierung. Systemen können sich vertikal differenzieren in Interaktions-, Organisations- und Gesellschaftssysteme. Interaktionssysteme zeichnen sich dadurch aus, dass sie unter der Bedingung der räumlichen Anwesenheit körpergebundener psychischer Systeme an Kommunikationen teilhaben und aktualisiert werden. Interaktionssysteme sind beispielsweise Stammtischgespräche, Seminardiskussionen oder auch Pressekonferenzen. Die psychischen #Systeme können an dieser Kommunikation nur als Personen teilnehmen und sind auch nur als Personen erreichbar. Ihre Medien sind der Körper und die Sprache. Interaktionssysteme sind immer zeitlich begrenzte Systeme, ihre Kommunikation läuft unter Anwesenden ab. Interaktionssysteme können mehr oder weniger stark strukturiert sein, zum Beispiel durch Themenvorgaben oder Ablaufpläne für den Verlauf der Kommunikation.


Organisationssysteme bestehen aus bestimmten Kommunikationen, nämlich aus Entscheidungen. Sie werden besonders geprägt durch das Prinzip der Mitgliedschaft, durch das Personen dem System zugerechnet werden und sich an seiner Kommunikation beteiligen können. Organisationssysteme sind stärker strukturiert als Interaktionssysteme, der #Code des übergeordneten Gesellschaftssystems wird in Organisationssystemen deutlicher als in Interaktionssystemen. Sie lassen sich nämlich ebenso wie Interaktionssysteme je nach dominierender Kommunikationsart einem bestimmten Gesellschaftssystem zuordnen. So ist die Seminarsitzung an einer Universität ein Interaktionssystem innerhalb des Gesellschaftssystems Wissenschaft, die organisationalen Prozesse innerhalb einer Partei sind Teil des Funktionsystems der Politik. Gesellschaftliche Prozesse involvieren in der Regel Operationen auf den niedrigeren Systemebenen der Organisation und Interaktion.

(Christa Weber)

Anwendung in der Medienwissenschaft

Theoretische Anwendung

Die Anwendung der autopoietischen Systemtheorie Niklas Luhmanns fängt in der Medien- und Kommunikationswissenschaft ab den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts an.

  • Wichtig ist eine Arbeit, die aus der Zeit vor der autopoietischen Wende stammt: die Studie „Die Zeitungsredaktion als organisiertes soziales System“ von Manfred Rühl aus dem Jahr 1979. Er entwickelte ein Journalismusmodell, in dem Subjekte konsequent durch Systeme ersetzt werden. Rühl hat sich im Rahmen dieser Studie auch mit der Rollentheorie befasst.
  • Frank Marcinkovski verfasst die „Publizistik als autopoietisches System“ im Jahre 1993. Die Publizistik verfügt nach Marcinkovski über ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium (Publizität), über einen binären Code (öffentlich/nicht-öffentlich), über eine systeminterne Differenzierung (Journalismus/Publikum) und über eine gesellschaftliche Funktion. Die Primärfunktion ist hier die Ermöglichung der Selbst- und Fremdbeobachtung ihrer Teile.
  • Bernd Blöbaum veröffentlicht seine Studie „Journalismus als soziales System“ im Jahre 1994. Blöbaums System des Journalismus differenziert sich in Leistungsrollen (Journalisten) und Publikumsrollen (Rezipienten); die Funktion des Journalismus ist hier die „aktuelle Vermittlung von Informationen zur öffentlichen Kommunikation.“
  • In seiner Schrift „Die Realität der Massenmedien“ (1996) entwickelt Niklas Luhmann eine neue Systemtheorie der Medien. Massenmedien bilden nach ihm ein soziales Funktionssystem ebenso wie Politik, Wirtschaft, Recht, usw. Die drei Programmbereiche dieses Systems sind Nachrichten/Berichte, Werbung und Unterhaltung.
  • Alexander Görke und Matthias Kohring entwickeln im Jahre 1997 ein System der Öffentlichkeit als übergeordnetes Funktionssystem. Journalismus, Werbung und PR sind Leistungssysteme der Öffentlichkeit.


(Mihaela Milanova)

Empirische Anwendung

Die empirische Anwendung der Systemtheorie vollzieht sich vor allem in Form der Suche nach Indikatoren für Selbstreferenz in sozialen Systemen.

  • Stefan Weber hat in seiner Arbeit „Was steuert Journalismus?“ von 2000 versucht, zentrale Annahmen über Selbststeuerung und Autopoiesis des sozialen Systems Journalismus mit einer Redaktionsbefragung zu verbinden. Es konnte nachgewiesen werden, dass in der subjektiven Einschätzung der Journalisten das Gefühl der Fremdsteuerung klar vor einem Autonomiebewusstsein rangiert.
  • Armin Scholl und Siegfried Weischenberg haben die Systemtheorie für ihre Studie „Journalismus in der Gesellschaft“ im Jahre 1998 als theoretische Grundlage verwendet und bestätigen die Autonomisierungs-Befunde. Sie unterscheiden konstitutiv zwischen Autopoiesis auf der Theorie-Ebene und empirischer Autonomie.
  • Michael Frieske verwendet im Jahre 1998 die Systemtheorie für eine Untersuchung von Selbstbezüglichkeiten in Unterhaltungsprogrammen des Fernsehens.
  • Peter Fuchs beschreibt das World Wide Web in seiner Arbeit „Realität der Virtualität – Aufklärungen zur Mystik des Netzes“ im Jahre 1998 als ein weiteres autopoietisches System.
  • Eine empirische Anwendung des Systembegriffs in Bezug auf Werbung und PR ist angestrebt.
  • Die Erforschung intermedialer Agenda-Setting-Phänomene ist eine weitere Option der Verbindung von Systemtheorie und Empirie.


(Mihaela Milanova)

Kritik und Leistungsfähigkeit

Vorteile der Systemtheorie

Die Systemtheorieist von ihrer Anlage her zwar eine komplexe Theorie, bemüht sich aber in ihrer Ausdrucksweise um hohe begriffliche Präzision. Sie geht über die unmittelbare Interaktion als Organisationsform sozialer Wirklichkeit hinaus, wodurch sie Vorteile gegenüber bestimmten Handlungstheorien aufweist. Die Systemtheorie begreift sich selbst als universal in Bezug auf ihren Gegenstand. Sie vertritt also keinen universalen Wahrheitsanspruch, wie oft vermutet wird, sie erhebt lediglich den Anspruch, dass mit ihrer Hilfe alle existierenden sozialen Phänomene beschrieben werden können. Folglich ist sogar die Theorie selbst Teil ihres Gegenstands.


Systemtheorie versucht durch Exklusion des Menschen aus der Gesellschaft und durch das Modell des Beobachtens Einsicht in das Funktionieren der Welt sozusagen durch Fernsicht zu ermöglichen. Man soll auf diese Weise lernen zu sehen, was man eigentlich nicht sehen kann. Die Systemtheorie vollzieht die Abkehr von kausalen Erklärungen sozialer Wirklichkeit, weshalb ehemals wichtige Orientierungsgrößen wie Werte, Normenund Moralihre Unumstößlichkeit einbüßen. Das ermöglicht dem Wissenschaftler die Loslösung von traditionellen Erklärungsmodellen und schafft Raum für neuartige, unkonventionellere Ansätze. Ein Indikator für den hohen Nutzwert der Theorie ist die Tatsache, dass die systemtheoretische Debatte seit Jahrzehnten geführt wird und auch gegenwärtig noch immer neue Erkenntnisse hervorbringt und dadurch die Forschung bereichert.


Nachteile der Systemtheorie

Der Systemtheorie und ihrem wichtigsten Vertreter Niklas Luhmannwird häufig vorgeworfen, nutzloses, abstraktes Philosophieren zu betreiben. Die verwendeten Begrifflichkeiten glänzen nach Meinung der Kritiker eher durch hohe Sprachkunst als durch notwendige Begriffsschärfe. Aus diesen Gründen gilt diese Theorie bei Anfängern als wenig benutzerfreundlich. Einige der Grundbegriffe, die als Eckpfeiler der Theorie gelten können, stoßen häufig auf Unverständnis. Walter Reese-Schäfer und andere Kritiker von Luhmanns Theorie sind der Meinung, das liege „an seiner Neigung zu schnellen, nur anreißenden, oft nicht ausgearbeiteten Definitionen.“ (Reese-Schäfer 2001, 42).

Daher lehnt die Kritische Theoriebeispielsweise den Begriff der #Autopoiesis ab, mit der Begründung, dieses Konzept sei ein Mittel zur Rechtfertigung bestehender sozialer Ordnungen. Luhmann hat es außerdem versäumt für die von ihm beschriebenen gesellschaftlichen Funktionssysteme eine vollständige Merkmalsemantik aufzustellen, was zu einigen Missverständnissen geführt hat.


Einen besonders großen Angriffspunkt bietet Luhmanns Aussage, dass der Mensch nicht Teil eines Systems und somit auch nicht Bestandteil des Systems Gesellschaft ist. Der Mensch und seine Handlungen stehen in gewisser Weise außerhalb der Theorie, da sie nur in Form von Personen vorkommen, denen Handlungen zugerechnet werden müssen, da Kommunikationen nach Luhmann nicht direkt beobachtbar sind. Kritiker äußern vielfach den Wunsch, die Erkenntnisse der Akteurstheoriemit denen der Systemtheorie zusammenzuführen. Kritik geübt wird auch an einer der wesentlichen Grundannahmen Luhmanns, dass die Welt hochkomplex ist und dass diese Komplexität uns überfordert und reduziert werden muss. Menschen werden in der alltäglichen Betrachtung in bestimmte Lebenswelten hineingeboren, die durch Normen, Werte und Weltanschauungen vorstrukturiert sind. Komplexität ist in diesem Fall kein Problem in der Größenordnung, wie es bei Luhmann postuliert wird. „Seine Theorie ist, […] aufgrund seiner ausschließlichen Beschäftigung mit nur einem Element der Welt, der Komplexität, besonders eingeschränkt auf einen Zustand, der in der menschlichen Existenz nicht sehr üblich ist.“ (Münch 2004, 225).


Wie im Kapitel zur Beobachtung dargestellt wurde, beruht die Systemtheorie auf tautologischenund teilweise paradoxen Annahmen über Systeme und ihre Operationsweise. Diese Tatsache trägt wesentlich dazu bei, dass die Systemtheorie als empirieferne Theorie beurteilt wird. Widerspruch und Paradoxie sind aber wesentliche Bestandteile innerhalb der Luhmannschen Systemtheorie und sie werden nicht immer zufrieden stellend aufgelöst. Reese-Schäfer kritisiert Luhmanns Verteidigung dieser Begriffe. Er schreibt: „Wer im Kern seiner eigenen Theorie den Widerspruch zulässt, kann alles behaupten.“ (Reese-Schäfer 2001, 17).


Die Begriffe #Interpenetration und #strukturelle Kopplung zur Beschreibung der Beziehung zwischen Systemen sind nach Meinung von Kritikern Luhmanns nicht ausreichend definiert worden und werden den tatsächlich beobachtbaren Systembeziehungen nicht vollständig gerecht. Walter Reese-Schäfer schreibt daher auch, dass der Begriff der strukturellen Kopplung „eine jener <Unbestimmtheitsstellen> von Luhmanns Theorie [sei], an denen deutlich wird, dass die operative Schließung nicht wirklich gelingt.“ (Reese-Schäfer 2001, 16). Eine wesentliche Hürde für das Verständnis der Systemtheorie bildet ihre Komplexität. Die einzelnen Theorie-Bausteine sind so sehr untereinander verknüpft und verzahnt, dass es schwer fällt, die unterschiedlichen Begrifflichkeiten trennscharf zu erklären. Anfänger stoßen bei systemtheoretischer Lektüre häufig auf Begriffe, die sie eigentlich schon kennen müssten, um das gerade behandelte Problem zu verstehen.


Leistungsfähigkeit

Die Leistungsfähigkeit der Theorie in Bezug auf die Beschreibung sozialer Phänomene wird gegenwärtig nicht bestritten. Die Einteilung der Welt in #Systeme ermöglicht die Konzentration auf einzelne Ausschnitte sozialer Wirklichkeit und erleichtert die Arbeit der Forschung enorm. Die Systemtheorie als Theorie mit universalem Gegenstand ist über die Grenzen einzelner Wissenschaftsdisziplinen hinaus einsetzbar. Kritik wird hauptsächlich an der begrifflichen Unschärfe und der Widersprüchlichkeit bestimmter Aussagen geübt. Einzelne Kernbegriffe werden laut Meinung der Kritiker nicht ausreichend definiert und verstellen somit das Verständnis der Theorie. Festzustellen ist allerdings, dass diese Probleme bei der Lektüre systemtheoretischer Überlegungen meist bei konzentrierter und wiederholter Lektüre abgebaut werden können. Wer sich wirklich tiefgehender mit dieser Theorie auseinandersetzen möchte, der braucht vor allen Dingen Geduld. Es lohnt sich in jedem Fall, die Grundlagen dieser viel versprechenden Gesellschaftstheorie zu studieren, auch wenn letztendlich nicht jedes Detail verstanden werden kann.

(Christa Weber)


Literatur

  • Becker, Frank; Reinhard-Becker, Elke 2001: Systemtheorie. Eine Einführung für die Geschichts- und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag.
  • Berghaus, Margot 2004: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie. 2. überarbeitete und ergänzte Auflage. Köln, Weimar, Wien: Böhlau.
  • Kneer, Georg; Nassehi, Armin 1993: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme: eine Einführung. München: Fink (UTB für Wissenschaft, Bd. 1751).
  • Krause, Detlef 2001: Luhmann-Lexikon: eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann. 3. neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Lucius und Lucius (UTB für Wissenschaft, Bd. 2184).
  • Luhmann, Niklas 2005: Soziologie als Theorie sozialer Systeme. In: Soziologische Aufklärung 1. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. 7. Auflage. Wiesbaden. S. 143-172.
  • Luhmann, Niklas; Baecker, Dirk (Hg.) 2004: Einführung in die Systemtheorie. 2.Auflage. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
  • Münch, Richard 2004: Soziologische Theorie. Band 3: Gesellschaftstheorie. Frankfurt am Main, New York: Campus Verlag.
  • Reese-Schäfer, Walter 2001: Niklas Luhmann zur Einführung. 4. Auflage. Hamburg: Junius.
  • Schimank, Uwe 2000: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung. 2. Auflage. Opladen: Leske + Budrich.
  • Weber, Stefan 2003: Systemtheorie der Medien. Anwendung der Systemtheorie (Luhmann) auf die Modellierung von Massenmedien und Publizistik (Marcinkowski u.a.). In: Weber, Stefan (Hg.) Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, S. 202-223.
  • Willke, Helmut 1991: Systemtheorie: eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie sozialer Systeme. 3. überarbeitete Auflage. Stuttgart, New York: Fischer (UTB für Wissenschaft, Bd. 1161).


Weblinks

  • Zur Systemtheorie:

http://www.fh-niederrhein.de/fb06/SOB/index~1.htm

http://www.systems-thinking.de/luhmann.htlm

http://www.systemische-beratung.de/systemtheorie.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Systemtheorie


  • Zu Niklas Luhmann:

http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/luhmann/26bio.htm

http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=Luhmann

http://de.wikipedia.org/wiki/Niklas_Luhmann

http://www.fh-lueneburg.de/u1/gym03/homepage/chronik/luhmann/luhmann.htm#leben

http://www.uni-essen.de/einladung/Vorlesungen/methoden/luhmann.htm


  • Zu Talcott Parsons:

http://www.hyperkommunikation.ch/personen/parsons.htm

http://kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/parsons/39bio.htm


  • N.Luhmann und T.Parsons im Vergleich:

http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/texte/MakroWS97/Soziale_Struktur/Soziale_Struktur.html

http://www.luhmann-online.de/luhmann-einf%FChrung.htm


  • Zu Ludwig von Bertalanffy:

http://www.hyperkommunikation.ch/personen/von_bertalanffy.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_von_Bertalanffy


  • Zu Norbert Wiener:

http://beat.doebe.li/bibliothek/p00041.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Norbert_Wiener


  • Zu George Spencer Brown:

http://de.wikipedia.org/wiki/George_Spencer-Brown

http://www.hyperkommunikation.ch/personen/spencer-brown.htm

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