Mainzer Schule

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Die sogenannte Mainzer Schule begründete in Deutschland den legitimistischen Empirismus, eine Forschungstradition, die durch drei Merkmale gekennzeichnet ist:

  1. Konzentration auf gesellschaftliche Konflikte,
  2. kritische Distanz zu den Machtgruppen, was auch die Medien einschließt, und
  3. Verwendung quantitativer Forschungsansätze.

Wichtige Fachvertreter des Mainzer Instituts für Publizistik sind Elisabeth Noelle-Neumann, Wolfgang Donsbach, Hans Mathias Kepplinger und Renate Köcher (Bild rechts).


Renate Köcher

Um die Leitfrage des legitimistischen Empirismus zu beantworten, werden kommunikationspolitische Normen, insbesondere die verfassungsrechtliche Stellung der Medien, mit Befunden der empirisch-analytischen Journalismusforschung konfrontiert. Das heißt, Aussagen über das journalistische Selbstverständnis, die politischen Präferenzen von Journalisten und ihren Motiven, die sie mit ihrem Beruf verbinden, werden verbunden mit Aussagen über den Umgang mit Kollegen sowie den Vorstellungen, die Journalisten vom Publikum besitzen. Eine Analyse dieser Merkmale und Einstellungen wird deshalb als wichtig erachtet, weil angenommen wird, dass sie handlungsrelevant sind, also Konsequenzen für die journalistischen Produkte und damit das Publikum haben.


Der Studie der in Mainz ausgebildeten Publizistikwissenschaftlerin Renate Köcher kommt dabei besondere Relevanz zu: Sie unternahm als erste den Versuch, das journalistische Rollenselbstverständnis in unterschiedlichen Journalismussystemen empirisch zu vergleichen.

Nach ihren Befunden verstehen sich deutsche – im Gegensatz zu britischen – Journalisten als „Missionare“. Sie beschränken sich nicht auf die Rolle des Vermittlers von Informationen, sondern praktizieren vorwiegend einen wertungsorientierten Journalismus und nehmen damit politisch Einfluss. Nach dieser Vorstellung sind Journalisten eine Gruppe privilegierter Individuen, die sich als eine vom Staat durch die Pressefreiheit anerkannte Elite verstehen und als vierte Gewalt eine Gegenkraft zu Wirtschaft und Politik formen wollen. (Ilias: Journalismusforschung Lernmodul IV) Linkliste Journalismusforschung


Wolfgang Donsbach

Journalisten haben demnach erstens einen bevorzugten Einfluss auf soziale Einstellungen und Sachverhalte der übrigen Menschen, weil sie die Medieninhalte auswählen, die dann die Realitätswahrnehmung der Leser und damit die öffentliche Diskussion wie auch soziale Normen bestimmen. Dieses journalistische Rollen- und Aufgabenverständnis hätte „als normative Vorstellung einen Einfluss auf die konkrete Nachrichtenauswahl“, so Donsbach (Bild links). (Löffelholz, 2004, 45)

Zweitens wird allen Journalisten die gleiche politische Gesinnung, nämlich linksorientierte Außenseiter zu sein, nachgesagt und deshalb würden sie innerhalb des Systems gegen das System denken und arbeiten. Durch ihren ständigen Kontakt zur politische Elite bei gleichzeitiger publizistischer Macht, könnten Journalisten indirekt in diesen Interaktionen politische Macht ausüben bzw. zumindest die Ausübung der politischen Macht beeinflussen. „Unabhängig von demokratietheoretischen Normen bedeutet Journalist sein heute eine privilegierte gesellschaftliche und politische Machtposition, die weit über die Partizipationschancen der übrigen Bürger hinausgeht“ , so Donsbach 1982. (Löffelholz, 2004, 45) Diese Stellung sei aber nicht entsprechend gesellschaftlich legitimiert.

Empirische Studien, die Anfang der 90er Jahre zum Selbstbild deutscher Journalisten durchgeführt wurden, zeigen sogar, dass das Rollenbild vom neutralen Vermittler sowie ein insgesamt pluralistisches Rollenverständnis vorherrschen. Journalismus als vierte Gewalt hat nur eine untergeordnete Bedeutung für das Selbstverständnis deutscher Journalisten. (Löffelholz, 2004, 47)


Kritiker des legitimistischen Empirismus, allen voran Vertreter des Funktionalistische Empirismus, bemängeln, dass das Konzept primär auf die individuellen Einstellungen von Journalistinnen und Journalisten abhebt. Immerhin sei bei den Untersuchungen in der Regel von Befragungsdaten auf Inhalte und Einstellungen geschlossen worden. Vermutungen würden angestellt, aber strukturelle Bedingungen der Medienproduktion außer Acht gelassen, wie etwa die Zeit- und Quellenabhängigkeit journalistischen Handelns, die Arbeitszufriedenheit oder der Umgang mit den notwendigen Techniken.

Kritisiert wird auch die Gleichsetzung von Journalismus und Medien. Zudem wird nicht nachgewiesen, sondern nur unterstellt, dass die Kommunikationsabsichten der Journalisten und ihre Einstellungen handlungsrelevant sind. (Löffelholz, 2004, 45-46)

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Bildquellen:

http://www.bdzv.de/758.html Renate Köcher http://www.icahdq.org/publicnewsletter/2005/Mar2005/Mar05prez.html Wolfgang Donsbach

Literatur:

Löffelholz, Martin. 2004. Theorien des Journalismus. Eine historische, metatheoretische und synoptische Einführung. In: Löffelholz, Martin (Hrsg.) Theorien des Journalismus. Ein diskursives Handbuch. 2. Auflage. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. 17-63.

(Reers)

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