Normative Grundlagen: Medienethik und Medienqualität

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Dieser Beitrag behandelt sowohl die Medienethik als auch die Qualität im Journalismus, stellt einen Überblick über beide Bereiche dar und versucht, sie hinsichtlich ihrer Relevanz und ihrer Leistungsfähigkeit einzuordnen.

Inhaltsverzeichnis

Begriffliches

(Julia Kalck)

Beschäftigt man sich mit der Frage nach normativen Grundlagen, fallen immer wieder bestimmte Begriffe auf, die oftmals nicht so eindeutig voneinander abzugrenzen sind. Demzufolge scheint es an dieser Stelle angemessen, eine erste genauere Abgrenzung der Begriffe Moral, Ethik und Qualität vorzunehmen, um im Folgenden die genauere Betrachtung dieser Thematik besser verfolgen zu können.

Moral

(J.K.)

Moral ist aus dem Lateinischen abzuleiten, und zwar von „moralis“, „die Sitten betreffend“. Darüber hinaus wird Moral als „die Gesamtheit der moralischen Urteile, Normen, Ideale, Tugenden und Institutionen“ angesehen (Ricken zitiert in Funiok 2002: 38) und ist von der Ethik abzugrenzen: „Der Unterschied zwischen Moral und Ethik besteht darin, dass die faktische Moral teilweise emotionale Ursprünge hat (Ekel, Hass, Angst) sowie kultur- und gesellschaftsabhängig ist, die Ethik hingegen systematisch allgemeine Maßstäbe zu setzen versucht“ (Wikipedia zu Moral). Moral kann als ein Gegenstand von Ethik verstanden werden (vgl. Leschke 2001: 11, Wunden 2003: 58).

Ethik

(J.K.)

Ethik, von griechisch ethos: „gewohnter Sitz; Gewohnheit, Sitte, Brauch; Charakter, Sinnesart", ist die wissenschaftliche Betrachtung mit dem Bereich der Moral (vgl. Funiok 2002: 38). Das heißt, Ethik hat Praktiken zum Gegenstand, ist aber selbst nicht mit diesen Praktiken identisch, sondern beschreibt, reflektiert und prüft sie (vgl. Wunden 2003: 58) und Ethik gilt als die „praktische Philosophie des richtigen Handelns und des guten Lebens“ (Wunden 2003: 57). Ethik folgt dabei dem Prinzip der Selbstbindung. Nur wer die Werte und Normen, die allgemeinen Maßstäbe der herrschenden Ethik internalisiert hat, der richtet sich auch nach ihnen. Damit unterscheidet sich die Ethik auch vom Recht, dessen Normen und Richtlinien einen Zwangscharakter aufweisen. Das Verhältnis zwischen Ethik und Recht wird in einem später folgenden Abschnitt noch einmal etwas genauer erläutert werden.

Allgemein lässt sich Ethik in unterschiedliche Bereiche aufteilen. Zum einen in den Bereich der deskriptiven Ethik, auch sozialwissenschaftliche Ethik genannt, zum anderen in eine normative oder philosophische Ethik. Während bei der deskriptiven Ethik moralische Urteile zu vermeiden versucht werden, gilt die normative/philosophische Ethik als normbegründend, das heißt, sie erörtert, welches Handeln gut oder schlecht, lobenswert oder abzulehnend ist: „Sie fragt nicht, ob eine Handlungsweise für richtig gehalten wird, sondern ob sie richtig ist“ (Ricken zitiert in Funiok 2000 ).

Qualität

(J.K.)

„Alle wünschen Qualität, doch jeder meint etwas anderes damit“ (Haller zitiert in Fabris und Renger 2003: 81) – der Qualitätsbegriff ist also gar nicht so eindeutig zu bestimmen. Einen Definitionsversuch liefern Fabris und Renger: „Qualität ist die Gesamtheit von Merkmalen einer ‚Einheit’ (eines Produkts, eines Prozesses oder einer Dienstleistung) bezüglich deren Eignung, festgelegte und vorausgesetzte Erfordernisse zu erfüllen.“ (Fabris und Renger: 81) Die Qualität eines Produktes bestimmt demnach sich immer an dem Maßstab eines Zweckes, den es zu erreichen sucht. Für ein Produkt – und somit auch ein Medienprodukt – bedeutet dies also konkret, dass (zumindest) die Anforderungen der „Kunden“ erfüllt werden sollten, damit es als qualitativ hochwertiges Produkt angesehen werden kann (vgl. ebd.: 81). Der Begriff „Qualität“ ist eine Kategorie aus der aristotelischen Logik. Als Kategorie bezeichnet die aristotelische Logik „Klassen von Urteils-Aussagen über Seiendes. In der lateinischen Grammatik werden sie ‚Prädikate’ genannt" (ebd.: 81). Andere Kategorien die dazu gehören sind z.B. Substanz und Quantität (vgl. ebd.: 81).


Relevanz

(J.K.)

Normative Grundlagen und Diskussionen über Ethik und Qualität sind in der theoretischen Betrachtung der Medien nicht mehr wegzudenken. So verweist Rüdiger Funiok in seinem Aufsatz über Medienethik auch auf einen „gestiegenen Ethik-Bedarf“: „Man wünscht sich heute eine unbestechliche, überparteiliche Instanz, die darüber befindet, was in Bereichen, in denen ständig neue Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten entstehen, als moralisch geboten, verboten oder erlaubt gelten darf“ (Funiok 2000). Auch Medienpraktiker beschäftigen sich immer wieder damit, wie Fachtagungen zur Qualitäts- und Ethikdiskussion und auch die mediale Auseinandersetzung mit eigenen Qualitäts- und Ethikmaßstäben beweisen.

Dies ist auch auf die Rolle und Funktion der Medien in der Gesellschaft zurückzuführen, in der sie, vor allem das Fernsehen, eine wichtiger Vermittlerrolle einnehmen. Nicht nur gesellschaftliche Themen und Unterhaltung werden durch die Massenmedien an das Publikum vermittelt, sondern auch Kriege, Katastrophen und Politik werden durch die Medien transportiert. Das eröffnet Diskussionen über Formen der Berichterstattung ebenso wie über deren Grenzen und Pflichten: Was darf gezeigt werden, was muss gezeigt werden? Hier sind auch immer wieder „prominente Einzelereignisse“ (Leschke 2001: 14) Anlass zu medienethischer Reflexion, wie beispielsweise das ZDF-Interview mit der deutschen Archäologin Susanne Osthoff, die im Irak entführt und im Dezember 2005 wieder freigelassen wurde. Globalisierung, die sich sowohl wirtschaftlich, als auch politisch und gesellschaftlich äußert, stellt einen weiteren Grund dar, sich mit ethischen Fragen um die Medien zu beschäftigen. In der „grenz- und kulturüberschreitenden Natur der globalen Medienkommunikation“ liegt eine neue Herausforderung innerhalb der Globalisierungsentwicklung (Karmasin und Winter 2002: 9).

Hier rücken Fragen nach Richtlinien interkultureller Kommunikation (vgl. Thomaß 2003, Karmasin und Winter 2002: 9) in den Vordergrund, also nach Richtlinien für „Kommunikation, die über Medien vermittelt wird, die Grenzen überschreitet und damit den Austausch verschiedener Kulturen betrifft.“ (ebd: 93). Ein aktuelles Beispiel ist der sogenannte „Karikaturenstreit “ und die Diskussion über Presse- und Meinungsfreiheit (vgl. Artikel 5) in westlichen Kulturen im Januar und Februar 2006, als eine Reihe von Karikaturen, die in der dänischen Zeitung Jyllands Posten bereits im September 2005 veröffentlicht wurden, in der arabischen Welt zu Boykottaufrufen und zu Brandanschlägen auf westliche Botschaften führten.

Eine theoretische Betrachtung in der Diskussion um interkulturelle Richtlinien bietet sich auch in der Kriegsberichterstattung. Barbara Thomaß beschreibt die Konzepte des Friedens- und Konfliktjournalismus als journalistische Verhaltensweisen in Konflikten (vgl. Thomaß 2003: 99f).

Ein weiterer Punkt, der normative Fragestellungen in der theoretischen Beschäftigung mit den Medien begründen könnte, ist die (zunehmende) Kommerzialisierung der Medienlandschaft: Große transnational agierende Medienkonzerne und deren ökonomische Interessen machen eine Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen unverzichtbar (vgl. Karmasin und Winter 2002).

Und auch weitere Entwicklungen in der Medienwelt eröffnen neue Fragestellungen: technische Neuerungen und die mit ihnen verbundene rasante Entwicklung des Internet sind ein Beispiel dafür. Auf die Probleme, die im Internet hinsichtlich ethischer und qualitätsbezogener Fragen auftreten können (wie das Problem des Digital Divide) weist z.B. Bernhard Debatin (vgl. Debatin 2002) hin.


Geschichte

(Pia Schmitt)

Ethische Fragen waren ein ständiger Begleiter der Medienentwicklung. Bereits das griechische Theater wurde von Plato kritisch im Hinblick auf seine Wirkung betrachtet. Besonderes Anliegen des Philosophen war hierbei ein Thema, das auch gegenwärtig immer wieder Gegenstand der Diskussion um Medien und Ethik wird: der Schutz der Jugend (Vgl. Wunden 2003: 58).

Die Entwicklung des ältesten Massenmediums, der Zeitung, wurde ebenso von kritischen Stimmen begleitet. Im Folgenden soll die historische Entwicklung der Debatte um Medienqualität am Beispiel der Zeitung kurz dargestellt werden.

Anfänge der Qualitätsdefinition im 17. Jahrhundert

(P.S.)

Trotz geringer Dichte der Zeitungslandschaft (ca. 30 Zeitungen um 1600) wurden bereits im 16. und 17. Jahrhundert Stimmen laut, die sich kritisch zur Qualität des neuen Massenmediums äußerten. In der ersten Phase der Zeitungsentwicklung waren solche Qualitätsforderungen stark von religiösen oder rationalistischen Dogmen bestimmt, weshalb Otto Groth auch von der „dogmatischen Phase“ spricht (Groth zitiert nach Wilke 2003: 35). Dementsprechend richteten sich Qualitätsforderungen unter anderem auf den erzieherischen Nutzen des neuen Mediums. Ashaver Fritsch warnte beispielsweise 1676 vor der neuen Zeitungssucht. Etwa 20 Jahre später forderte Kaspar Stieler Aktualität, unverfälschte Nachrichten, Sorgfältigkeit und Unabhängigkeit (Vgl. Wilke 2003: 38).

Journalistische Qualität unter dem Zeichen der Aufklärung

(P.S.)

Im 18. Jahrhundert nahm die Verbreitung der Zeitung stark zu, wobei sich die Auflagenzahlen von etwa 70 um 1700 auf 200 um 1800 erhöhten. Neben diesen Veränderungen wandelten sich auch die Bedingungen, unter denen Zeitungen produziert wurden. Das 18. und 19. Jahrhundert waren hinsichtlich der Zeitungsgeschichte geprägt durch den Kampf gegen die Zensur, ein Umstand, der, wie Wilke ausführt, die „Herausbildung autonomer Qualitätsnormen verhinderte“ (Wilke 2003: 43). Gleichzeitig änderten sich im Zeichen der Aufklärung die Ansprüche gegenüber der Presse, was sich zum Teil aus den Forderungen journalistischer Qualität ablesen lässt. In ihren Aussagen ähnelten die Aufklärer zunächst den im 17. Jahrhundert geäußerten Ansichten zur Qualität: Paul Jacob Marperger betonte ebenfalls Zuverlässigkeit, Unparteiigkeit, sowie eine Bereinigung des Stils. Neue Stimmen in der Diskussion um die Medienqualität kamen im 18. Jahrhundert erstmals von den Journalisten selbst. Sie bemängelten die Zeitungen in ihrer bisherigen Form, wofür sie unter anderem die Zensur verantwortlich machten. Wilhelm Ludwig Wekhrlin sah einen idealen Journalismus als „Spion des Publikums“ (Wekhrlin zitiert nach Wilke 2003: 41). Christian Friedrich Daniel Schubart forderte eine Darstellung der wahren politischen Verhältnisse, keine Huldigungen der herrschenden Klasse. Carl Philipp Moritz sprach sich für eine Zeitung als „unbestechliches Tribunal“ (Moritz zitiert nach Wilke 2003: 42) aus, und Joseph Görres bezeichnete ihre Funktion als „Schild der öffentlichen Meinung“ (Görres zitiert nach Wilke 2003: 43).

19. Jahrhundert/Beginn 20. Jahrhundert

(P.S.)

Im 19. Jahrhundert zeichneten sich tief greifende Veränderungen in der Zeitungslandschaft ab. Zum einen wurde die Zensur, mit deren Maßnahmen der Journalismus seit den Karlsbader Beschlüssen des Jahres 1819 gekämpft hatte, aufgehoben. Außerdem stieg die Zahl der Zeitungen durch technische Neuerungen, wie etwa die Erfindung der Rotationspresse, stark an. Mit der damit einhergehenden Erweiterung des Umfanges der Zeitungen änderte sich auch deren Layout: die Gliederung in Sparten, Ressorts, sowie Überschriften und Schlagzeilen wurde eingeführt. Neue Probleme bereitete den Journalisten der wachsende Stoffbedarf, der durch die Ausweitung des Zeitungswesens entstanden war. Da Mittel und Personal fehlten, um die nötigen Beiträge zu erstellen, nahmen Fälschungen zu. Theodor Fontane berichtet beispielsweise von „unechten“ Korrespondenzen, bei denen der Leserschaft vorgegaukelt wurde, dass ein Korrespondent im Ausland die Berichte geliefert habe, während diese im Inland angefertigt worden waren. Heinrich Wuttke prangerte diese Mängel, sowie die Kommerzialisierung, Wortverdrehungen und Druckfehler in Schriften aus den Jahren 1866 und 1875 an. Derartige Kritik zog Aktivitäten nach sich, die sich um Abhilfe bemühten, und dementsprechend erschienen Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Schriften, die sich mit der Ausbildung von Journalisten, sowie Regeln für Journalistisches Handeln befassten. In Heidelberg versuchte Professor Adolf Koch beispielsweise um 1895 die Ausbildung von Journalisten an der Universität zu etablieren. In Berlin bemühte sich Emil Dovifat seit 1927 um die Ausbildung von Journalisten (Berliner Institut). Zentrale Qualitätsnormen für Dovifat verkörperten hierbei Gesinnung und Verantwortung (Vgl. Wilke 2003: 44-50)

Qualitätsumbruch im Dritten Reich

(P.S.)

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten vollzog sich auch für die Massenmedien ein gewaltiger Umbruch. Qualität im Journalismus bedeutete nun die Bereitschaft, der herrschenden Ideologie zu dienen. Kontrollmöglichkeiten bestanden durch das Schriftleitergesetz, das den Zugang zum Beruf des Journalisten regelte, sowie Presseanweisungen bezüglich des Inhaltes. Um die Gefügigkeit der Presse zu sichern, bemühten sich die Nationalsozialisten um eine fundierte Journalistenausbildung. In diesem Zusammenhang wurde 1935 die Reichspresseschule in Berlin gegründet (Vgl. Wilke 2003: 50).

Die Wiedergewinnung journalistischer Qualität nach 1945

(P.S.)

Die Wiedergewinnung journalistischer Qualität vollzog sich in Deutschland unter dem Einfluss der Besatzungsmächte. Diese führten eine Umerziehung durch, wobei dem Journalismus teilweise anglo - amerikanische Normen vermittelt wurden. Hierzu zählen zum Beispiel der Aufbau der Nachricht aus Lead und Body, sowie die Trennung von Nachricht und Kommentar (Vgl. Wilke 2003: 51)

Bestimmungen zur Presse sind in Form von Artikel 5 mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung in das Grundgesetz eingeflossen. Im Jahr 1973 wurde der Pressekodex eingeführt, welcher Forderungen zur journalistischen Qualität beinhaltet.


Medienethik als angewandte Ethik

(Julia Kalck)

Was ist Medienethik und was kann und soll sie leisten?

(J.K.)

„Medienethik hat an theoretischer wie praktischer Relevanz gewonnen“, stellt Matthias Karmasin fest (Karmasin 2002: 7). Dennoch scheint eine einheitliche Theorie der Medienethik (noch) nicht vorzuliegen. Verschiedene Ansätze und Perspektiven existieren aber bereits und versuchen, Fragen nach ethischen Prinzipien im Medienhandeln und der Qualität des Handelns und der aus dem Handeln gewonnenen Produkte wissenschaftlich zu erfassen.

Medienethik ist laut Funiok eine „erst im Aufbau befindliche Bereichsethik“(Funiok 2002: 37), ein systematischer Entwurf fehlt bisher. Bei Medienethik handelt es sich auch um eine „normbegründende und angewandte Ethik“ (Funiok 2000). Damit ist sie also der normativen Ethik zuzuordnen. Normative Ethik versucht die Frage nach gutem oder schlechtem Handeln zu klären, erörtert, welches Handeln lobenswert und welches abzulehnend ist (vgl. Wunden 2003: 58). Sie ist demnach von der deskriptiven Ethik zu unterscheiden, die moralische Urteile zu vermeiden versucht (vgl. ebd.:58).

Allgemein werden angewandte Ethiken laut Funiok immer dann notwendig, „wenn sich aufgrund wissenschaftlich-technischer Entwicklungen neue Handlungsmöglichkeiten und mit ihnen Bewertungsprobleme ergeben, für welche die allgemeine Moral (oder die bisherige Berufsmoral) keine ausreichend scharfen Kriterien bereithält“ (Funiok 2002: 41). Die Medienethik als Bereichsethik der angewandten Ethik hat also die Aufgabe, besondere Problemfelder des Bereichs der Medien zu reflektieren und Normen für diesen Bereich festzulegen (vgl. ebd, Leschke 2001: 27f.). Medienethik beinhaltet Theorien normengeleiteter Handlungen, diese müssen den Anforderungen an Theorien genügen. Dazu gehören Konsistenz, Definiertheit von Prämissen und Begriffen. Außerdem haben Theorien einen universalistischen Geltungsanspruch (vgl.Leschke 2001: 11). Innerhalb der Medienethik finden moralisch-praktische Diskurse statt.

Was kann und soll nun Medienethik als angewandte Ethik leisten? Wolfgang Wunden schlägt eine Art Leistungsprofil der aktuellen Medienethik vor, demnach soll Medienethik „beschreiben und definieren“, „erkennen und ordnen“ sowie „verstehen und bewerten“ (Wunden 2003: 62f). Betrachtet man nicht nur die „Medienwelt“, sondern die Gesellschaft insgesamt, so hat Medienethik noch eine weitere Funktion, die sich in ihrem Verhältnis zum Recht ausdrückt. Während das Recht, z.B. das Medienrecht, mit seinem Zwangscharakter eine äußere Steuerungsmöglichkeit darstellt, gilt die Ethik – und somit auch die Medienethik – als innere Steuerungsressource. Das bedeutet, dass medienethische Argumentation nur bei solchen Personen bzw. Institutionen ankommt, die sich selbst verpflichtet fühlen, verantwortlich zu handeln (vgl. Funiok 2002: 42). Diese Selbstbindung ist „das für die Ethik Typische“(ebd.: 42). Beide Steuerungsressourcen sind, so Funiok, wichtig: „Es braucht beide Steuerungen, soll ein gesellschaftlich so bedeutsamer Sektor wie der Medienbereich nicht aus dem Ruder laufen“ (ebd.: 42). Denn die (Medien-)Ethik kann eine prospektive Orientierung bereitstellen, das (Medien-)Recht kann im nachhinein regelnd eingreifen (vgl. ebd: 42f).

Verantwortung als Schlüsselkategorie

(J.K.)

Immer wieder fällt, wenn über Ethik gesprochen wird, der Begriff der „Verantwortung“. Verantwortung gilt als Schlüsselkategorie der Medienethik (vgl. Funiok 2002: 43). Schon Max Weber formulierte als sozialethische Verpflichtung, „dass man für die (voraussagbaren) Folgen seines Handelns aufzukommen hat.“ (Weber zitiert in Funiok 2002: 43).

Die Frage nach der Verantwortung: sechs Teilfragen

(J.K.)

Ausgehend von dieser Auffassung, Verantwortung als Schlüsselkategorie der Medienethik anzusehen, formuliert Rüdiger Funiok sechs Teilfragen:

  1. Wer trägt Verantwortung?
  2. Was ist zu verantworten?
  3. Wofür trägt er Verantwortung?
  4. Wem gegenüber trägt er Verantwortung?
  5. Wovor muss er sich verantworten?
  6. Weswegen muss man sich verantworten? (Funiok 2002: 44)

Dabei bezieht sich die erste Frage auf die Handlungsträger, die zweite auf die Handlung, die Frage drei auf die Folgen dieser Handlung. Die Betroffenen werden durch Frage vier vertreten, Frage fünf zielt auf bestimmte Instanzen, wie z.B. das Gewissen oder die Öffentlichkeit. Frage sechs bezieht sich auf bestehende Werte und Normen oder sonstige Kriterien (vgl. Funiok 2002: 44).

Schon diese vermeintliche Erleichterung in der Suche nach den Ebenen an denen eine Medienethik ansetzen soll, birgt Probleme, auf die in den nachfolgenden Abschnitten eingegangen wird. In der Praxis gibt es Beispiele, wie der Undurchsichtigkeit dieser Frage, wer als Handlungsträger verantwortlich ist, in gewissem Maße entgegengewirkt wird. Ein Mitglied der Redaktion wird z.B. bei Printprodukten oder Websites namentlich erwähnt als „verantwortlich im Sinne des Presserechts“ (V.i.S.d.P.) und auch das Impressum insgesamt, in der der V.i.S.d.P aufgeführt wird, bietet Antwortmöglichkeiten auf die Frage nach den Handlungsträgern (vgl.Funiok 2000).

Individual- und sozialethische Perspektive

(J.K.)

Es gibt somit verschiedene Ebenen, an denen die Verantwortungsfrage geklärt werden könnte. Eine Möglichkeit ist die Unterscheidung zwischen einer individualethischen und einer sozialethischen Betrachtungsweise.

Die individualethische Betrachtungsweise geht von der Verantwortung des Einzelnen aus und stellt somit zum Beispiel den Redakteur als den Handelnden und somit Verantwortlichen dar. Hier finden sich Anknüpfpunkte an die akteursorientierte und rollenorientierte Bestimmung journalistischer Qualität. Denn hier ist es das handelnde Individuum allein, was abwägt, ob sein Handeln ethischen Grundsätzen entspricht. In seiner Rolle als Journalist kann der Pressekodex auf dieser Ebene neben dem Gewissen dem Individuum als Richtlinie für moralisches Verhalten dienen.

Allerdings scheint die rein individualethische Betrachtungsweise nicht ausreichend, wie schon Manfred Rühl und Ulrich Saxer 1981 mahnten. Inzwischen wird die lange Zeit ausnahmslos betrachtete individualethische Ebene zu Gunsten einer neuen Perspektive abgewertet: Mit dem Aufkommen der Systemtheorie in den Sozialwissenschaften erreichte auch eine sozialethische Perspektive die Medienethik. Die sozialethische Perspektive befasst sich mit dem organisatorischen, strukturellen Kontext der Einzelakteure, aus dem sich der Entscheidungsspielraum dieses individuellen Akteurs ableitet. (vgl. Funiok 2002: 47 f.). In der sozialethischen Perspektive resultieren somit professionelle Auswahl- und Gestaltungskriterien aus der beruflichen Sozialisation (vgl. hierzu auch den Abschnitt zur systemorientierten Bestimmung journalistischer Qualität). So ist zum Beispiel der soziale Kontext „Redaktion“ für die Resultate des Handelns des einzelnen Journalisten, des Redakteurs, nicht nur mitverantwortlich, sondern „die Bedingungen und der Entscheidungsspielraum der Einzelakteure [ist] entscheidend vom strukturellen und organisatorischen Kontext bestimmt [...]“ (Funiok 2002: 47). Man geht hier also von einer korporativen Verantwortung aus (vgl. ebd.: 47).

Diese beiden Perspektiven sollen sich keinesfalls nur gegenüberstehen und nur einzeln herangezogen werden. Vielmehr bieten sie gemeinsam betrachtet eine Möglichkeit, die handelnden Akteure besser zu verstehen, die Frage nach der Verantwortung genauer zu klären. Sowohl die individual- als auch die sozialethische Perspektive sind demnach wichtig, denn: „Journalistische Berufsmoral ist als Resultante der persönlichen Moral und der Arbeitsbedingungen aufzufassen“ (Karmasin zit. in Funiok 2000). Das heißt also, dass nicht nur der Pressekodex, sondern auch bestimmte Statute innerhalb der Redaktionen und moralische Grundsätze des gesamten Medienunternehmens benötigt werden (vgl. Funiok 2002: 48).

Ist man nun von den Journalisten als Handlungsträger ausgegangen, so erweitert Funiok diese Ebene um einen weiteren Akteur: dem Publikum. Er sieht das Publikum in einer Mitverantwortung, und auch hier lassen sich beide Ebenen definieren: individualethisch betrachtet, ist die Verantwortung des einzelnen Rezipienten zu nennen, sozialethisch betrachtet, ist aber auch die Mediennutzung in einem sozialen Kontext zu sehen. Denn Mediennutzung findet auch und zum Großteil nicht alleine statt – ob in der Familie, in der Schule, im Freundeskreis: Medienangebote werden gemeinsam rezipiert und diskutiert. So sind auch hier beide Ebenen entscheidend (vgl. Funiok 2000).

Gestufte Verantwortung

(J.K.)

Geht man davon aus, dass, wie zuvor beschrieben, Verantwortung auf den verschiedenen Ebenen übernommen werden muss, so lassen sich verschiedene Gruppen von Akteuren ausmachen, die diese Verantwortung übernehmen sollen. Somit sind alle angesprochen, die in irgendeiner Weise mit Medienangeboten in Berührung kommen (Rezipienten) und/oder sie selbst anbieten (Journalisten, Medienunternehmen). Der Appell, Verantwortung zu tragen, wendet sich also „an alle, die – in einem gestuften Sinne – Verantwortung tragen“ (Funiok 2002: 48). Gestufte Verantwortung deshalb, weil diejenigen, die mehr Macht besitzen, auch mehr Verantwortung tragen sollten (vgl. Krainer 2002: 168).

Diese Verantwortlichen sind in unterschiedliche Gruppen einzuteilen. Zu denen, die direkt mit den Medien umgehen, gehören

  • die Medienschaffenden (Journalisten, Autoren, Redakteure, Korrespondenten etc.)
  • die Besitzer und Betreiber von Massenmedien (öffentlich-rechtlich, privat) und
  • die Mediennutzer.

Die Medienschaffenden haben einerseits als Individuen die berufsspezifischen Werte und Qualitätskriterien verinnerlicht. Ausgehend vom Zusammenspiel der individualethischen und sozialethischen Perspektive genügt diese innere Steuerungsressource aber nicht, sondern sie muss durch die korporative Selbstverpflichtung ergänzt werden, also beispielsweise durch redaktionelle Prinzipien oder auch durch bestimmte Rahmenbedingungen für moralisches Handeln, das wiederum von den Besitzern und Betreibern von Massenmedien bereitgestellt werden muss. Die Mediennutzer tragen hier ebenfalls Verantwortung, indem sie als Teil einer kritischen Öffentlichkeit und als mündige Bürger die Entwicklung der Medien kritisch beobachtet (vgl. Funiok 2002: 49).

Diese drei sind von den Gruppen zu unterscheiden, die „die Aufgabe haben, den Medienbereich zu reflektieren und zu regulieren“ (Funiok 2002: 49). Dies sind

  • die Gremien der freiwilligen Selbstkontrolle
  • die medienkritische Öffentlichkeit und
  • die Gremien und Verfahren der gesetzlichen Kontrolle und Gestaltung.

Auch diese Gruppen tragen Verantwortung. Und auch diese drei ergänzen sich gegenseitig: So werden die Gremien der freiwilligen Selbstkontrolle, die meist aus Interessengruppen zusammengesetzt sind und wenig Sanktionskraft besitzen, in ihrem Wirken durch die medienkritische Öffentlichkeit verstärkt, die die Gremienarbeit verfolgt. Die letzte Gruppe, zu der das Bundesverfassungsgericht, die Parlamente, die Rundfunkräte und die Landesmedienanstalten gehören, hat zum Teil höhere Kontroll- und Sanktionskraft als die Gremien der freiwilligen Selbstkontrolle. Jedoch sind auch diesen Kontrollorganen Grenzen gesetzt: Bedingt durch den technischen und ökonomischen Wandel im Medienbereich stoßen sie zunehmend an ihre Grenzen (vgl. Funiok 2002: 50ff).


Medienethik als mehrdimensionaler Prozess

(J.K.)

Auch Larissa Krainer erkennt die Notwendigkeit verschiedener Ebenen, auf der medienethische Reflexion stattfindet. Sie führt diese Überlegungen allerdings noch weiter.

Zunächst geht Krainer von bestehenden Problemen und Widersprüchen in der Medienethik aus, deren man sich bewusst sein muss und die unvermeidbar sind. Zu diesen gehören der zwischen dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dem Recht auf Schutz der Privat- und Intimsphäre ebenso wie der zwischen intensiver Recherche und redaktionellem Zeitdruck (vgl. Krainer 2002: 156). Auf sämtlichen Ebenen sind diese Widersprüche präsent und das Balancieren dieser Widersprüche ist, so Krainer, die zentrale methodische Herausforderung der Medienwissenschaft (ebd.: 157).

Zudem existieren Probleme im medienethischen Diskurs, beispielsweise lassen sich Zielvorstellungen wie die Herstellung von Idealen wie Wahrheit und Objektivität, also abstrakte Normen, wissenschaftlich kaum operationalisieren. Es ist nur eine „bestmögliche Annäherung“ (ebd.: 158) möglich, wie es auch bei den regulativen Ideen von Kant der Fall ist. Die Annäherung an diese regulativen Ideen, diese Ideale, sollen aber aufrecht erhalten bleiben. Allerdings bedarf es einer vergleichenden Reflexion des eigenen Handelns aller im Medienprozess Aktiven darüber, wie sich den Idealen angenähert werden kann und dass in der Auffassung darüber Unterschiede bestehen. Als drittes Problem der medienethischen Diskussion sieht Krainer die vielschichtigen Adressatenebenen, die auch schon von anderen diagnostiziert wurden. Das Problematische an diesen Ebenen: auf keiner lässt sich Alleinverantwortung für Medienethik verankern (vgl. Krainer 2002: 161, Wunden 2003: 67). Stattdessen soll ein Versuch unternommen werden, „einen Ansatz der Medienethik im Sinne der Organisation kollektiver Verantwortungswahrnehmung zu entwerfen.“ (Krainer 2002: 162).

Der Paradigmenwechsel, den sie vorschlägt, besteht darin, Entscheidungsprozesse zu organisieren statt Werte zu setzen. In den Entscheidungsprozessen soll es vor allem um das Erkennen der notwendigen Widersprüche und um die kollektive Reflexion ethischer Fragestellungen gehen. Aus den gemeinsam getroffenen Entscheidungen sollen von denen, die von ihnen betroffen sind, ethische Wertsetzungen gewonnen werden – und damit nicht Werte vorgegeben werden. Dies soll in einem mehrdimensionalen Prozess ablaufen, der aus mehreren Stufen besteht:

Die erste Stufe beinhaltet die unmittelbare Reflexion des individuellen Handlungsbezirkes, d.h., diejenigen, die Medien konsumieren und jene, die an der Medienproduktion beteiligt sind, sollen sich z.B. bewusst werden, welche ethischen Fragestellungen sich aus ihrer Arbeit bzw. aus der Mediennutzung ergeben und wo Diskussionsbedarf bestehen könnte. Auch Änderungen in ethischer Hinsicht sollen hinterfragt werden, z.B., wie selbst aufgedeckte Missstände behoben werden könnten (vgl. Krainer 2002: 167f.).

Auf der zweiten Ebene dieses Prozesses geht es darum, den gemeinsamen Handlungsbezirk im Kollektiv zu reflektieren und ethische Konflikte und Interessen mit Gleichgesinnten zu vergemeinschaften. Das heißt, dass man z.B. mit Kollegen oder mit anderen Mediennutzern diskutiert und so herausfindet, ob diese Probleme, die man in der ersten Ebene entdeckt hat, solche sind, die auch andere betreffen bzw. die von anderen auch als Probleme erkannt werden. Widersprüchliche Interessen sind auch hier möglich. Ziel ist es dennoch, einen Interessenausgleich herbeizuführen (vgl. Krainer 2002: 169f.).

Wenn diese beiden Ebenen nicht mehr ausreichen, muss die Möglichkeit gegeben sein, die Bearbeitung der ethischen Fragestellungen auf die nächst höherer Ebene der Macht zu delegieren (vgl. ebd.: 171). Gleichzeitig bedeutet diese Delegierung nach oben auch, dass die dort gefundenen Lösungsoptionen von den Ebenen darunter kontrolliert werden muss. Transparenz ist oberstes Gebot. Und auch hier können wieder Widersprüche auftreten und unterschiedliche Interessen aufeinanderstoßen. Das Bewusstwerden dieser unterschiedlichen Auffassungen auf verschiedenen Ebenen soll, so Krainer, zu einer Aktivierung eines höheren Verständnisses für diese Unterschiede führen (vgl. ebd.: 172).

Ziel dieses Prozesses soll somit die Auseinandersetzung mit ethischen Problemen und Widersprüchen auf und zwischen den verschiedenen Ebenen sein – um dann irgendwann einen kollektiven medienethischen Konsens zu finden, ohne von vornherein auf vorgegebene Normen festgelegt sein.

Mit diesen Vorstellungen schließt Larissa Krainer nicht nur an die Idee der gemeinsamen Verantwortung an, sondern auch an eine auf die Medienunternehmen gerichtete Ethik-Diskussion (vgl. Wunden 2003: 67; sowie als weiteren Ansatz hierzu die Überlegungen Matthias Karmasins zum Stakeholder-Modell).



Qualität im Journalismus

Einleitung

(Pia Schmitt)

Grundlegend lässt sich bezüglich der Frage nach der Integration ethischer Gesichtspunkte in eine Journalismustheorie festhalten, dass auf diesem Gebiet noch ein Theoriedefizit herrscht. Dies lässt sich zum einen dadurch begründen, dass das Einbeziehen normativer Aspekte mit dem Selbstverständnis empirischer Wissenschaften (darunter auch die Medienwissenschaft) als schwer zu vereinbaren gilt (Vgl. Wunden 2003: 55). Eine weitere Hürde stellt der Qualitätsbegriff selbst dar, da er ein Beobachtungskonstrukt verkörpert, dessen Inhalte folglich von der Perspektive der Beobachter abhängig sind (Vgl. Bucher 2003: 12). Zudem bereitet die „theoretische Gemengelage“ (ebd: 12) des Journalismus, in dem akteurs-, system-, und rollenorientierte Ansätze nebeneinander stehen, Schwierigkeiten. Je nach betrachteter Journalismustheorie wandeln sich die Zuschreibungen von Verantwortlichkeit, und damit, wie im Folgenden erläutert werden soll, die Qualitätsurteile zu journalistischem Arbeiten.

Akteursorientierte Bestimmung journalistischer Qualität

(P.S.)

Bei einer akteursorientierten Bestimmung journalistischer Qualität rücken individuelles Wissen und Können in den Mittelpunkt der Betrachtung. Qualitätsstandards werden dementsprechend Bestandteil einer Individualmoral oder Individualethik, zur Verantwortung gezogen wird folglich der einzelne Journalist. Dennoch lässt sich sagen, dass in den meisten Sollvorgaben für das Handeln von Journalisten bereits Rollenvorstellungen enthalten sind. Ist zum Beispiel die Rede davon, dass ein Journalist verständlich schreiben soll, so setzt dies ein Bild von der Rolle des Journalisten, der sich adressatenorientiert an eine bestimmte Öffentlichkeit wendet, voraus. Da in einer akteursorientierten Betrachtung Qualitätskriterien auf individuelles Handeln bezogen werden, sind zu ihrer Bestimmung feststehende deontologische Normen notwendig. Kritisch angemerkt werden kann an einem derartigen Ansatz, dass der institutionelle Rahmen journalistischen Handelns ausgeblendet wird, und somit keine theoriegeleitete Klärung von Qualitätsfragen möglich ist (Vgl. Bucher 2003: 15-16).

Rollenorientierte Bestimmung journalistischer Qualität

(P.S.)

Eine weitere Möglichkeit, Journalismus zu beschreiben, und somit auch eine weitere Möglichkeit, journalistische Qualität zu definieren, liefert eine rollenorientierte Betrachtung. Hier gerät nun mit der Rolle die einen Komplex von Verhaltensweisen darstellt, der institutionelle Aspekt des Journalismus ins Blickfeld. Nicht mehr individuelle Handlungen, sondern Handlungsmuster bilden jetzt die Grundlage für rollenspezifische Qualitätsurteile. Rollen besitzen hierbei drei grundlegende Eigenschaften, die Auswirkungen auf den Begriff Qualität bei einer solchen Bestimmung haben: Sie sind eingebettet in ein Rollensystem und können als Reaktion einer Person auf andere Rollen verstanden werden. Zudem sind sie nur im Hinblick auf ein größeres System bestimmbar. Dies hat zur Folge, dass Qualitätskriterien sich nun auf die Funktion der Rolle richten, die diese in größeren Zusammenhängen einnimmt. Außerdem sind Rollen additiv, was bedeutet, dass eine Person mehrere Rollen ausüben kann. Dies kann dazu führen, dass verschiedene Rollen miteinander in Konflikt treten (z.B. Sportjournalist ist zugleich Präsident des Sportvereins). Der Begriff der Rolle ist folglich in komplexe Zusammenhänge eingebettet, und verdeutlicht so die Komplexität von Qualitätsurteilen im Journalismus (Vgl. Bucher 2003: 16-17)

Systemorientierte Bestimmung journalistischer Qualität

(P.S.)

Bei einer systemorientierten Betrachtung des Journalismus wird dieser als autopoetisch, das heißt, sich selbst steuernd und von anderen Systemen abgegrenzt beschrieben. Man kann dementsprechend Standards, Normen und Qualitätskriterien als Teil der Steuerungsinstanzen des Systems Journalismus verstehen. Zentraler Referenzpunkt für Qualitätskriterien innerhalb des Systems Journalismus sind dessen Basisfunktionen. Als Basisfunktionen kann beispielsweise, wie Luhmann ausführt, die Bereitstellung eines Hintergrundwissens als Grundlage für die Medienkommunikation (vgl. Bucher 2003: 18) genannt werden. Richtlinien, an denen sich die Qualität der Leistungen eines solchen Systems messen ließe wären folglich Faktizität, Neuigkeitswert, Anschlussfähigkeit und Nachvollziehbarkeit. Sie besitzen bereits normativen Charakter. Von zentraler Bedeutung ist, da Systeme stets zielgerichtet sind, diese Qualitätsstandards durch die Aufgaben des Systems zu begründen und sie zu operationalisieren, das heißt, zum Beispiel festzulegen, wie sich Aktualität konkret äußert und messen lässt. Im Unterschied zur akteursorientierten Betrachtung ergibt sich Qualität nun aus den Prozessen/ Handlungsmustern innerhalb des Systems und ihren Zielen und ist somit teleologisch. Hans-Jürgen Bucher fasst die Anforderungen an eine systemtheoretische Bestimmung von Qualität wie folgt zusammen: „Sie muss Qualitätsstandards auf die Grundfunktionen des Journalismus zurückführen und sie muss zeigen können, in welcher Weise die so gewonnenen Qualitäten mit bereits etablierten Standards journalistischer Professionalität zusammenhängen.“ (ebd: 18).

Kritik an der systemorientierten Bestimmung journalistischer Qualität lässt sich wie folgt äußern: Da Systeme operational geschlossen sind, gelten die definierten Qualitätskriterien nur innerhalb der Grenzen des Systems. Damit werden Bezüge auf andere Systeme wie etwa die Religion ausgeschlossen. Ein weiteres Problem bereitet außerdem die Systemgebundenheit aller Beobachtungen zur Frage nach der Qualität. Übergeordnete Normen auf die im System geltenden Handlungsmuster festzulegen, erweist sich häufig als schwierig. Eine ideale Lösung würde folglich aus einer Kombination mehrerer Ansätze bestehen (Vgl. Bucher 2003: 18-20)

Kritik

(Pia Schmitt)

Die Anwendung ethischer Vorstellungen im Bereich der modernen Massenmedien ist, wie die vorangegangene Arbeit gezeigt hat, nicht immer unproblematisch. Schwierigkeiten bereiten zum Beispiel, wie in 5.1 angesprochen wurde, das Theoriedefizit, sowie der aus den unterschiedlichen Möglichkeiten zur Theoretisierung des Journalismus resultierende Pluralismus der Ansätze. Da sich die für ethische Fragen zentrale Kategorie der Verantwortung entsprechend der Journalismustheorie ändert, hat dies zur Folge, dass der Geltungsbereich der Medienethik stets auf die Überzeugungskraft eines bestimmten Theoriemodells reduziert wird. Problematisch ist es auch Begriffe wie Qualität und Qualitätssicherung zu operationalisieren. Schließlich kann Qualität, ein zunächst abstrakter Begriff, nur anhand von bestimmten, festzulegenden Indizien bestimmt werden (Vgl. Fabris und Renger 2003: 81). Zudem ergeben sich Schwierigkeiten dadurch, dass, wie Funiok ausführt, medienethische Betrachtungen zahlreiche Tätigkeitsfelder, die mit Medien in engem Zusammenhang stehen, vernachlässigen. So bemüht man sich zwar um eine Ethik des Journalismus, andere Medienberufe werden jedoch vernachlässigt (Vgl. Funiok 2002: 48).

Fazit

(Julia Kalck)

Wie aktuelle Beispiele immer wieder zeigen, stehen die Medienethik und Qualitätsdebatten in der Medienkommunikation vor enormen Herausforderungen: Transnationale Medienkonzerne und die Ökonomisierung der Medien verlangen nach ethischen Grundprinzipien und Richtlinien – vor allem auch, weil, wie oben angesprochen, ordnungspolitischen Maßnahmen durch den schnellen technischen und ökonomischen Wandel Grenzen gesetzt sind.

Auch die „Entgrenzung journalistischer Genres und Arbeitsfelder“ (Funiok 2002: 52) stellt eine Herausforderung für die Medienethik dar, Infotainmentund auch die Gefahr des Verschmelzens von PR und Journalismus sind hier als Beispiele zu erwähnen. Dies alles macht eine permanente Diskussion nach ethischen Richtlinien und die Auseinandersetzung mit solchen Fragestellungen unverzichtbar und die Medienethik hat hier die Aufgabe, besonders auch im Internet die Konkretisierung und Ausformulierung journalistischer Berufsnormen (weiter) zu begleiten.

Zugleich offenbart dieser Bedarf aber auch die Schwächen der aktuellen Theorielage: zu undurchsichtig, zu unkonkret, zu wenig vereinbar scheinen manche Konzepte, es herrscht (noch?) eine zu große Vielfalt – obwohl, wie diese Arbeit zeigte, Konsens zum Beispiel hinsichtlich einer gemeinsamen Verantwortung durchaus besteht.

Unumgänglich scheint auch eine umfassendere Auseinandersetzung mit Medienunternehmens-Ethik – Karmasin sieht hier dazu im Stakeholder-Modell eine mögliche Perspektive – sowie eine breitere theoretische Basis hinsichtlich interkultureller Fragestellungen. Der Karikaturenstreit im Januar und Februar 2006 zeigte, wie aktuell eine solche Diskussion ist. Andererseits, und dies zeigt auch die Herausforderung, der sich eine Medienethik und eine umfassendere theoretische Qualitätsdebatte entgegengestellt sieht: Kann eine ethische Frage zur interkulturellen Kommunikation so genannt werden, wenn ein Großteil der Weltbevölkerung von ihr ausgeschlossen bleibt?

Die Bedeutung normativer Grundlagen für die Medienwissenschaft scheint somit gerade vor dem Hintergrund ständig neuer Beispiele, was Medienprodukte angeht, aber auch, was die Strukturen des Mediensystems betrifft, unerlässlich. Auch die Tatsache, dass Entwicklungen in diesem Bereich sich äußerst schnell vollziehen können, macht eine umfassendere Medienethik wichtig, denn sie kann im Unterschied zum Recht wie erwähnt prospektiv eingreifen und Richtlinien formulieren und somit dem Zeitrückstand, welcher dem Recht die Schranken weist, ein wenig entgegensteuern (vgl. Funiok 2002). Erstrebenswert wäre somit eine systematische Kombination verschiedener Ansätze, um diesem Mangel an Struktur entgegenzuwirken.


Literatur

  • Bucher, Hans-Jürgen (2003). Journalistische Qualität und Theorien des Journalismus. In: Bucher, Hans-Jürgen/Altmeppen, Klaus-Dieter (Hg.) (2003). Qualität im Journalismus. Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. S. 11-34.
  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.) (2000): Staatsrecht der Bundesrepublik Deutschland, Bonn.
  • Debatin, Bernhard (2002). „Digital Divide“ und „Digital Content“: Grundlagen der Internetethik. In: Karmasin, Matthias (Hg.) (2002). Medien und Ethik. Stuttgart: Reclam. S. 220-237.
  • Fabris, Hans Heinz und Rudi Renger (2003). Vom Ethik- zum Qualitätsdiskurs. In: Bucher, Hans-Jürgen/Altmeppen, Klaus-Dieter (Hg.) (2003). Qualität im Journalismus. Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. S. 79- 92.
  • Funiok, Rüdiger (2002). Medienethik: Trotz Stolpersteinen ist der Wertediskurs über Medien unverzichtbar. In: Karmasin, Matthias (Hg.) (2002). Medien und Ethik. Stuttgart: Reclam. S. 37-58.
  • Karmasin, Matthias/Winter, Carsten (2002). Medienethik vor der Herausforderung der globalen Kommerzialisierung von Medienkultur: Probleme und Perspektiven. In: Karmasin, Matthias (Hg.) (2002). Medien und Ethik. Stuttgart: Reclam. S. 9-36.
  • Krainer, Larissa (2002). Medienethik als angewandte Ethik: Zur Organisation ethischer Entscheidungsprozesse. In: Karmasin, Matthias (Hg.) (2002). Medien und Ethik. Stuttgart: Reclam. S.156-174.
  • Leschke, Rainer (2001). Einführung in die Medienethik. München: Fink
  • Thomaß, Barbara (2003). Interkulturelle Kommunikation und Medienethik – Interkulturelle Medienethik? In: Bucher, Hans-Jürgen/Altmeppen, Klaus-Dieter (Hg.) (2003). Qualität im Journalismus. Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. S. 93-112.
  • Von La Roche, Walther (2003): Einführung in den praktischen Journalismus, 16., völlig neu bearbeitete Auflage, Reihe Journalistische Praxis, München: List
  • Wilke, Jürgen (2003). Zur Geschichte der journalistischen Qualität. In: Bucher, Hans-Jürgen/Altmeppen, Klaus-Dieter (Hg.) (2003). Qualität im Journalismus. Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. S. 35-54.
  • Wunden, Wolfgang (2003). Medienethik – normative Grundlage der journalistischen Praxis? In: Bucher, Hans-Jürgen/Altmeppen, Klaus-Dieter (Hg.) (2003). Qualität im Journalismus. Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag. S. 55-78.


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