Publikum

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Definition von Publikum

Der Pferdefuß der praktischen Anwendung von Rezeptionstheorien liegt in der Tatsache begründet, dass die Rezipienten selbst nur selten beobachtbar sind, außer auf fragmentarische und indirekte Art. Insofern ist davon auszugehen, dass der Rezipient bzw. das Publikum ein theoretisches Konstrukt sind und nicht mit realen Personen gleichzusetzen sind, da diese niemals vollständig von der Theorie erfasst werden können. (N. Olligschläger)

Das historische Publikum

Um deutlich zu machen, wie unendlich komplexer sich die Rezeptionssituation in der heutigen Mediengesellschaft gestaltet, ist es sinnvoll, die klassische Situation eines ursprünglichen "frühen Publikums" als Vergleich heranzuziehen, z.B. die Zuschauer in einem römischen Kolosseum vor ca. 2000 Jahren.

Die mediale Situation ließe sich wie folgt beschreiben:

  • Es handelt sich um ein Ereignis mit öffentlichem Charakter.
  • Es werden organisierte, geplante Versammlungen abgehalten.
  • Der Inhalt ist sekulär (nicht religiös) und dient der Unterhaltung oder Bildung.
  • Teilnahme sowie Aufmerksamkeit an der Veranstaltung sind freiwillig.
  • Es herrscht eine spezialisierte Rollenverteilung in Zuschauer, Darsteller, Autoren etc.
  • Die Vorstellung wird an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit abgehalten (Lokalisierung)
  • Es besteht die Möglichkeit der Interaktion und Partizipation des Publikums (Buh-Rufe, Anfeuern etc.)

Durch die Zwischenschaltung von Technik (z.B. beim Fernsehen oder Kino) ist die Unmittelbarkeit dieser „Ur-Situation“ gebrochen. Das moderne Massenmedien-Publikum teilt daher einige Eigenschaften des frühen Publikums, jedoch ist es größer, weiter verteilt, individualisierter und privatisiert. (N. Olligschläger)

Die Defintion eines bestimmten Publikums

Da die Rezipienten z.B. einer einzigen Fernsehsendung nie gänzlich erfasst werden können, folgt in der Forschung eine künstliche Eingrenzung nach bestimmten Kategorien.

Einige dieser Kategorien sind z.B.

  • nach Personen
(z.B. Altersgruppen, Geschlecht, politische Einstellung, Einkommen)
  • nach dem konsumierten Medium
(Technologie, Organisation)
  • nach dem Inhalt der Botschaften
(Genre, behandelter Gegenstand, Stil)
  • Zeit
(z.B. Primetime-Publikum)
  • Ort
(z.B. Kino, Theater, Fernsehzuschauer in New Jersey)

Die Definition des Publikums ist daher zum einen zweckgebunden und abhängig von der Fragestellung, zum anderen abstrakt und zielt stets auf ein "potentielles Publikum". (Olligschläger)

Bei Denis McQuail spielen zudem die ’Audience side factors’ eine Rolle, durch die deutlich wird, dass sich Individuen bei ihrer Medienrezeption voneinander unterscheiden. Hierzu zählt er die folgenden Faktoren: „social background and milieu“, „personal attributes“, „media-related needs“, „personal tastes and preferences“, „general habits of leisure time media use“, „awareness“, „specific context of use“ und „chance“ (vgl. McQuail 2000: 391-192). (Sturm)


Das aktive Publikum

Das (Massen)Publikum ist per Definition passiv, da es zu einer kollektiven Handlung nicht in der Lage ist. Eine kleine soziale Gruppe ist in der Hinsicht aktiv, als dass sie sich ein gemeinsames Ziel setzen und dieses gemeinsam verfolgen kann.

Im Gegensatz zum trägen und manipulierbaren passiven Massenpublikum, das sich durch die Begriffe "Konsumenten", "Märkte", "Empfänger" charakterisieren lässt, verwendet das aktive Publikum Medienangebote zur Erreichung bestimmter Ziele. Es ist durch die Begriffe "Individuen", "soziale Einheiten", "Decodierer" gekennzeichnet. Beim aktiven Publikum ist klar die Perspektive der handlungstheoretisch orientierten Rezeptionsforschung zu erkennen. Es handelt sich um ein Zweck-Mittel-Denken, bei dem die Mediennutzung als intentional und absichtsvoll beschrieben werden kann. Daher gab es schon immer die Tendenz, die aktive Mediennutzung höher als die passive Mediennutzung einzustufen (vgl. McQuail 2000: 369).

Die Rezeption erfolgt unabhängig von der Struktur des Mediums und wird durch die Interessen, das Wissen und die Erfahrung der Rezipienten bestimmt. Folglich lässt sich die Formel Kommunikation = Wirkung in die Formel Kommunikation = Rezeption abändern. Rezipienten können zwar aktiv selektieren, aber nicht konstruieren. Somit können Medienbedeutungen akzeptiert oder abgelehnt werden. Sie sind aber stets im Medium gegeben. (Sturm)

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