Rezeptionstheorien

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Inhaltsverzeichnis

Vorstellung der Rezeptionstheorien

Definition der Rezeptionstheorien

Als Gegenstück zu den Kommunikator-Theorien beschäftigen sich Rezeptionstheorien mit der Empfängerseite des Kommunikationsprozesse und gehen der Frage nach, wer, was, wo und wie versteht und warum das Verständnis der Botschaft auf eine bestimmte Weise ausfällt. (Olligschläger)

Bedeutung der Rezeptionstheorien

Seit Beginn des 20.Jahrhunderts interessiert sich die Wissenschaft für die Bedeutung der Medien, und die Disziplin der Medienwirkungsforschung erhält zu dieser Zeit ihre ersten Konturen. Fortan spielen die Rezeptionstheorien eine sehr große Rolle, und heute sind die modernen Formen der Rezeptionsforschung aus der Medienwissenschaft nicht mehr wegzudenken. (Sturm)

Anwendungsfelder der Rezeptionstheorien

Häufige Anwendungsfelder von Rezeptionstheorien sind zum Beispiel:

  • Marktforschung
Diese erfolgt meist seitens Medienunternehmen und geht der Frage nach, wie Medien konkret genutzt und bewertet werden. Forschung in diesem Bereich geschieht meist ohne Teilhabe der allgemeinen Öffentlichkeit.
  • Medienwirkungsforschung
Hier steht die Frage im Mittelpunkt, welchen kurz- und langzeitigen Einfluss Medien auf das Individuum ausüben. Ein Beispiel hierfür wäre die Gewaltdebatte um Fernsehen oder Videospiele.
  • Verstehensforschung
Die Verstehensforschung versucht zu ergründen, wie die Informationsvermittlung durch ein Medium von Statten geht bzw. funktioniert. Dies geschieht u.a. durch Blickaufzeichnungstests. (Olligschläger)
                            Felder der Rezeptionsforschung

Bild:Rezeptionsforschung3.JPG

Quelle: Bucher, Hans-Jürgen: Vorlesung Medienwissenschaft I (Wintersemester 2005/06), 14. (Sturm)


Das Publikum

Definition von Publikum

Der Pferdefuß der praktischen Anwendung von Rezeptionstheorien liegt in der Tatsache begründet, dass die Rezipienten selbst nur selten beobachtbar sind, außer auf fragmentarische und indirekte Art. Insofern ist davon auszugehen, dass der Rezipient bzw. das Publikum ein theoretisches Konstrukt sind und nicht mit realen Personen gleichzusetzen sind, da diese niemals vollständig von der Theorie erfasst werden können. (Olligschläger)

Das historische Publikum

Um deutlich zu machen, wie unendlich komplexer sich die Rezeptionssituation in der heutigen Mediengesellschaft gestaltet, ist es sinnvoll, die klassische Situation eines ursprünglichen "frühen Publikums" als Vergleich heranzuziehen, z.B. die Zuschauer in einem römischen Kolosseum vor ca. 2000 Jahren.

Die mediale Situation ließe sich wie folgt beschreiben:

  • Es handelt sich um ein Ereignis mit öffentlichem Charakter.
  • Es werden organisierte, geplante Versammlungen abgehalten.
  • Der Inhalt ist sekulär (nicht religiös) und dient der Unterhaltung oder Bildung.
  • Teilnahme sowie Aufmerksamkeit an der Veranstaltung sind freiwillig.
  • Es herrscht eine spezialisierte Rollenverteilung in Zuschauer, Darsteller, Autoren etc.
  • Die Vorstellung wird an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit abgehalten (Lokalisierung)
  • Es besteht die Möglichkeit der Interaktion und Partizipation des Publikums (Buh-Rufe, Anfeuern etc.)

Durch die Zwischenschaltung von Technik (z.B. beim Fernsehen oder Kino) ist die Unmittelbarkeit dieser „Ur-Situation“ gebrochen. Das moderne Massenmedien-Publikum teilt daher einige Eigenschaften des frühen Publikums, jedoch ist es größer, weiter verteilt, individualisierter und privatisiert. (Olligschläger)

Die Defintion eines bestimmten Publikums

Da die Rezipienten z.B. einer einzigen Fernsehsendung nie gänzlich erfasst werden können, folgt in der Forschung eine künstliche Eingrenzung nach bestimmten Kategorien.

Einige dieser Kategorien sind z.B.

  • nach Personen
(z.B. Altersgruppen, Geschlecht, politische Einstellung, Einkommen)
  • nach dem konsumierten Medium
(Technologie, Organisation)
  • nach dem Inhalt der Botschaften
(Genre, behandelter Gegenstand, Stil)
  • Zeit
(z.B. Primetime-Publikum)
  • Ort
(z.B. Kino, Theater, Fernsehzuschauer in New Jersey)

Die Definition des Publikums ist daher zum einen zweckgebunden und abhängig von der Fragestellung, zum anderen abstrakt und zielt stets auf ein "potentielles Publikum". (Olligschläger)

Bei Denis McQuail spielen zudem die ’Audience side factors’ eine Rolle, durch die deutlich wird, dass sich Individuen bei ihrer Medienrezeption voneinander unterscheiden. Hierzu zählt er die folgenden Faktoren: „social background and milieu“, „personal attributes“, „media-related needs“, „personal tastes and preferences“, „general habits of leisure time media use“, „awareness“, „specific context of use“ und „chance“ (vgl. McQuail 2000: 391-192). (Sturm)


Das aktive Publikum

Das (Massen)Publikum ist per Definition passiv, da es zu einer kollektiven Handlung nicht in der Lage ist. Eine kleine soziale Gruppe ist in der Hinsicht aktiv, als dass sie sich ein gemeinsames Ziel setzen und dieses gemeinsam verfolgen kann.

Im Gegensatz zum trägen und manipulierbaren passiven Massenpublikum, das sich durch die Begriffe "Konsumenten", "Märkte", "Empfänger" charakterisieren lässt, verwendet das aktive Publikum Medienangebote zur Erreichung bestimmter Ziele. Es ist durch die Begriffe "Individuen", "soziale Einheiten", "Decodierer" gekennzeichnet. Beim aktiven Publikum ist klar die Perspektive der handlungstheoretisch orientierten Rezeptionsforschung zu erkennen. Es handelt sich um ein Zweck-Mittel-Denken, bei dem die Mediennutzung als intentional und absichtsvoll beschrieben werden kann. Daher gab es schon immer die Tendenz, die aktive Mediennutzung höher als die passive Mediennutzung einzustufen (vgl. McQuail 2000: 369).

Die Rezeption erfolgt unabhängig von der Struktur des Mediums und wird durch die Interessen, das Wissen und die Erfahrung der Rezipienten bestimmt. Folglich lässt sich die Formel Kommunikation = Wirkung in die Formel Kommunikation = Rezeption abändern. Rezipienten können zwar aktiv selektieren, aber nicht konstruieren. Somit können Medienbedeutungen akzeptiert oder abgelehnt werden. Sie sind aber stets im Medium gegeben. (Sturm)


Die Entwicklung der Medienwirkungsforschung

Die Geschichte der Medienwirkungsforschung lässt sich in drei aufeinanderfolgende Phasen unterteilen, deren Dauer, wichtigsten Theorien und Ereignisse das folgende Schaubild illustriert.

                    Darstellung der Phasen der Medienwirkungsforschung 

Bild:Schaubild Phasen2.JPG

Quelle: Bonfadelli, Heinz 1999: Medienwirkungsforschung I. Grundlagen und theoretische Perspektiven, 26. (Sturm)

Phasen der Medienwirkungsforschung

Die erste Phase: Phase der wirkungsstarken Medien - Allmacht der Medien = medienzentrierte Ansätze

Axiom der direkten, unvermittelten sowie monokausalen Wirkung der Massenkommunikation auf den Rezipienten. (Sturm)

Die zweite Phase: Phase der wirkungsschwachen Medien - Ohnmacht der Medien = publikumszentrierte Ansätze

Erweiterung des Basismodells durch zusätzliche intervenierende oder mediatisierende Faktoren.
Kritik am Konzept der direkten einseitigen Wirkung der Massenmedien => Entstehung des "Two Step Flow of Communication" , Entdeckung des "Opinion Leaders"
Die Wirkung von massenmedialen Stimuli wird wesentlich durch sogenannte Störfaktoren auf Seiten der Rezipienten bestimmt.
Das Fernsehen gilt als der integrierende Symbolproduzent in der Gesellschaft, das bestimmte Perzeptionen der sozialen Realität beim Publikum kultiviert.
Die soziale Schichtung der Gesellschaft hat in Interaktion mit dem Informationsangebot der Medien zur Folge, dass auch das Wissen in der Gesellschaft ungleich verteilt ist.
Die Prämisse besteht darin, dass vor jeder Meinungs- oder Einstellungsbeeinflussung durch die Medien die Funktion der Thematisierung steht. Die Medien bestimmen somit darüber, was das Publikum für wichtige Themen hält. (Sturm)

Die dritte Phase: Phase der neuen Konzepte

Prozess, der durch die Artikulationsbereitschaft und die Isolationsangst der Menschen bestimmt wird. Es ist entscheidend, welches Meinungsklima jeder Einzelne in seinem Umfeld zu registrieren glaubt.
Publikumszentrierte Theorie, die untersucht warum Menschen die Medien nutzen und der Frage nachgeht, welche Motive und Bedürfnisse hinter der Medienzuwendung stehen.
* Bedürfnistypologien, Publikumsaktivität und Konsequenzen der Mediennutzung
* Das widerspenstige Publikum
Kombination von Elementen des Stimulus-Response-Modells mit Elementen des Uses-and-Gratifications-Ansatz. Der Ansatz versteht Kommunikator und Rezipient als aktive und als passive Teilnehmer im Kommunikationsprozess. (Sturm)
Das Konzept des Framing bietet einen Weg, die Macht eines Textes zu beschreiben. Die Analyse von Frames wirft Licht auf die genaue Art, in der ein bestimmtes menschliches Bewusstsein durch den Transfer von Informationen beeinflusst wird. (Olligschläger)

Kritik der Rezeptionstheorien

Aufgrund des sozialen Wandels können das Publikum und die Rezipienten nicht eindeutig bestimmt werden, und man benötigt folglich verschiedene Einteilungskriterien. Die neuen Technologien stellen die klare Unterteilung von Sender und Empfänger in Frage, da in heutigen Kommunikationsprozessen beide Rollen gleichzeitig eingenommen werden können. Die Forschung zur Rezeption geschieht in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen (z.B. Kommunikationswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Linguistik, Ethnologie), die jedoch jeweils sehr andere Modelle der Rezipienten verwenden. Hierbei ist als negativ festzuhalten, dass die verschiedenen Forschungsrichtungen (medienzentristisch vs. publikumszentristisch) mehr zur wechselseitigen Abgrenzung und weniger zu Kooperation genutzt werden. Eine balancierte Sichtweise, die sich Synergie-Effekte zu Eigen macht, wäre wünschenswert. Rezeptionstheorien beschäftigen sich meist primär mit audio-visuellen Medien, vernachlässigen folglich die Print-Online-Medien sowie die Frage wie die Rezeption im Medienverbund aussieht. (Sturm)

Literaturangaben

  • Allor, M. 1988: "Relocating the site of the audience", Critical studies in mass communication, 5(3): 217-233.
  • Bauer, Raymond A. 1973: Das widerspenstige Publikum. In: Prokop, Dieter (Ed.), Massenkommunikationsforschung 2, 152-166. Frankfurt am Main.
  • Blumler, Jay G./ Katz Elihu (Eds.) 1974: The Uses of Mass Communications. Current Perspectives on Gratifications Research. London.
  • Bonfadelli, Heinz 1999: Medienwirkungsforschung I. Grundlagen und theoretische Perspektiven. Konstanz: UVK
  • Bucher, Hans Jürgen 2005: Verständlichkeit. In: Weischenberg, Siegfried/ Kleinsteuber, Hans J./ Pörksen, Bernhard (Eds.), Handbuch Journalismus und Medien, 464.-470. Konstanz: UVK
  • Entman, Robert M. 2002: Framing: Towards Clarification of a Fractured Paradigm. In: McQuail, Denis (Ed.). 2002: McQuail's Reader in Mass Communication Theory. London, Thousand Oaks, New Delhi: 390-397.
  • Früh, Werner 1991: Medienwirkungen: Das dynamisch-transaktionale Modell. Theorie und empirische Forschung. Opladen.
  • Goffman, Erving 1974: Frame Analysis. New York: Harper.
  • Jäckel, Michael 2005: Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung.(3. Auflage). Wiesbaden: VS Verlag
  • Jäckel, Michael 1999: Medienwirkungen. Ein Studienbuch zur Einführung. (1. Auflage). Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
  • Kahneman, David und Tversky, Amos (1984): Choices, Values and Frames. American Psychologist, 39: 341-369.
  • Livingstone, Sonia 1998: Making Sense of Television. The Psychology of the Audience Interpretation. (2nd ed.). Oxford u.a. Kp. 2, 33-50.
  • McQuail, Denis 2000: McQuail´s Mass Communication Theory. London: Sage Publications, 359-411. (4th edition)
  • Snow, David A./ Rochford, E. Burke/ Worden, Steven K./ Benford, Robert D. 1986: Frame Alignment Processes, Micromobilization, and Movement Participation, American Sociological Review 51: 464-481.
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