Theorien der Öffentlichkeit

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Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Überblick der Öffentlichkeitsforschung

Öffentlichkeitsforschung ist ein Theorieansatz der Kommunikationswissenschaft, der sich der öffentlichen Kommunikation widmet. In der modernen Gesellschaft findet öffentliche Kommunikation in erster Linie durch Massenmedien statt. Öffentlichkeitsforschung musste sich deshalb ganz wesentlich als Massenmedienforschung verstehen (Neidhardt 1997: S.10). Vor den 60er Jahren spielte der Öffentlichkeitsbegriff eine marginale Rolle in der Kommunikationsforschung. Erst mit der Veröffentlichung der Habilitationsschrift von Jürgen Habermas über den Strukturwandel der Öffentlichkeit im Jahr 1962 findet der Begriff Eingang in die Kommunikationsforschung, vor allem in die Kritische Theorie. Habermas’ Buch löst zahlreiche Debatten aus, die sich zum Teil zur theoretischen Gegenposition entwickeln. Die wichtigste theoretische Gegenposition wird unter anderem aus konstruktiv-systematischer Perspektive von Niklas Luhmann vorgebracht (Gerhards 1998: S. 269). Seitdem erfährt die Theoriebildung in Bezug auf Öffentlichkeit einen Boom.


Derzeit dominieren in der Öffentlichkeitsforschung die Untersuchungen über die medienvermittelnde politische Diskussion und deren Einfluss in Form der öffentlichen Meinung auf die Politik. Im Hinblick darauf wird der Begriff Öffentlichkeit auch häufig synonym mit dem engeren Begriff der politischen Öffentlichkeit gebraucht (Donges 2001: S. 103). Die Öffentlichkeitsforschung liefert dementsprechend viele Anknüpfungspunkte im Anschluss an die politische Kommunikation. Die aus der Öffentlichkeit resultierende Meinung,deren theoretische Grundlage hauptsächlich von Elisabeth Noelle-Neumanngeschaffen wurde, bildet einen weiteren Fokus in der Öffentlichkeitsforschung.

Begrifferklärung

Entstehung der Öffentlichkeit

Der Begriff Öffentlichkeit ist im 18. Jahrhundert aus dem Adjektiv öffentlich gebildet worden (Gerhards 1998: S. 268). Laut dem von Habermas hervorgebrachten Idealmodell der bürgerlichen Öffentlichkeit bilden die „Politisierung des gesellschaftlichen Lebens“ und „Aufstieg der Meinungspresse“ (Habermas 1990: S.14) im 18. Jahrhundert die Rahmenbedingungen für die Entfaltung der politischen Öffentlichkeit: Die Versammlungen, Kaffeehäuser und Assoziationen stellen die ersten Formen der öffentlichen Foren dar, in denen freier Zugang für alle Bürger kennzeichnend ist und über unterschiedlichste Anliegen artikuliert wird.


Begleitet wird diese Entwicklung durch eine erkennbare Ausweitung des Angebots an Tageszeitungen und Wochenzeitschriften. Indize dafür: Der Umsatz solcher Medienangebote verdoppelte sich in England innerhalb eines Vierteljahrhunderts (Jäckel 1999: S. 218). Über diese Meinungspresse wird eine neue Form der Foren geschaffen. Insbesondere hat
Idealmodell der bürgerlichen Öffentlichkeit im 18 Jh.
die Tagespressein der Rolle eines „permanenten kritischen Kommentators die Exklusivität des Parlaments definitiv aufgebrochen und sich zum offiziell bestellten Diskussionspartner der Abgeordneten entwickelt“ (Habermas 1990: S.132).


Als Konsequenz einer solchen Entwicklung tritt dem Staat als Sphäre der öffentlichen Gewalt allmählich die bürgerliche Gesellschaft gegenüber. Zwischen den Bürgern einerseits und dem politischen Entscheidungsträger andererseits verortet sich die Öffentlichkeit als Intermediäres System. Die aus den öffentlichen Diskursen kristallisierten Meinungen gelten als neue Legitimation für Herrschaft. Der vereinfachte Grundriss der Entstehung der bürgerlichern Öffentlichkeit gibt die Abbildung wider. Anzumerken ist der subjektlose Charakter der Figur Öffentlichkeit; sie realisiert sich lediglich im Diskursprozess.


Die Öffentlichkeit in modernen demokratischen Gesellschaften lässt sich daher entweder als ein Netzwerk für die Kommunikation von Meinungen beschreiben (Habermas 1990: S. 436) oder als ein Kommunikationssystem verstehen, in dem Akteure über politische Themen kommunizieren (Gerhards 1998: S. 694).

Mediale Öffentlichkeit

Mit der Zwischenschaltung von Massenmedien in die öffentliche Kommunikation verändert sich die Infrastruktur der Öffentlichkeit grundlegend: Öffentliche Kommunikation ist dann nicht mehr von face-to-face-Kommunikation dominiert, sondern von der medial vermittelnden Kommunikation.


Im Unterschied zur ersten Form der Öffentlichkeit, ist die Medienöffentlichkeit zum einen nicht mehr an Ort und Zeit gekoppelt, sondern die Medien als Vermittlungsorganisationen sind auf Dauer existent und verfügen entsprechend über ein mehr oder minder dauerhaft vorhandenes Publikum. Zum anderen tritt neben Sprechern und Publikum mit den Massenmedien eine dritte Größe in die Öffentlichkeit. Die Bereitstellung und Herstellung von Themen erfolgt von spezialisierten Vermittlern (z. B. Journalisten), die nach eigenen Interessen die Themen selektieren und selber als Akteure in der Öffentlichkeit auftreten. Sprecher und Publikum verlieren ihren interaktiven Zusammenhang. Die Reichweite der Sprecher und die Größe des Publikums werden aber durch Massenmedien erheblich ausgeweitet. Öffentliche Kommunikation wird zur Massenkommunikation. Die Ausdifferenzierung in der Massenkommunikation führt dazu, dass der „freie“ Zugang zur Öffentlichkeit stark kanalisiert wird und dass das Publikum sich sukzessiv zum passiven Publikum wandelt.


Mit den medialen technischen Fortschritten dehnt sich einerseits das Publikum dramatisch aus, andererseits erhöhen sich die Zugangschancen zur öffentlichen Kommunikation aufgrund des steigenden Organisationsgrades und des Selektionsdrucks der Massenmedien hingegen nicht. Der Aufstieg der elektronischen Medien verschärft sogar diese Paradoxie. Unter solchen Umständen spricht Habermas von einer neuen Kategorie von Einfluss, nämlich der Medienmacht, „die, manipulativ eingesetzt, dem Prinzip der Publizität seine Unschuld raubte“ (Habermas 1990: S. 28). Die Beschäftigung mit der Medienmacht bildet den Kern der gegenwärtigen Öffentlichkeitsforschung.


Theorien der Öffentlichkeit

Jürgen Habermas: Idealmodell der Öffentlichkeit und seine normative Ansprüche

Das Ziel der Untersuchung von Habermas ist den Idealtypus bürgerlicher Öffentlichkeit aus den historischen Kontexten der englischen, französischen und deutschen Entwicklung im 18. und frühen 19. Jahrhundert zu entfalten (vgl. Habermas 1990: S. 12). Das Idealmodell der Öffentlichkeit wird bereits oben dargestellt. Hier wird zuerst die methodische und theoretische Grundlage der Habermaschen Theorie kurz skizziert. Die methodische Vorgehensweise der Habermaschen Theorie geht auf die sozialwissenschaftliche Tradition zurück. Die Idealtypbildung ist eine von Max Weber entwickelte Methode. Die Besonderheit dieser Methode liegt darin, die gesellschaftliche Komplexität zu reduzieren und ein Modell unter günstigen Bedingungen herauszuarbeiten. Die Realitätsnähe ist daher wenig berücksichtigt. Darüber hinaus schließt sich Habermas der „kritischen Theorie“ an, die von Max Horkheimer und Theodor W. Adornoin den 40er Jahren gegründet wurde und über eine kritisch-normative Orientierung verfügt (Schicha 2003: S. 108). Die normativen Ansprüche, die sich im Idealmodell der Öffentlichkeit vermischen, geben immer wieder Anlass zur weiteren Öffentlichkeitsforschung. Im Folgenden werden sie näher erläutert.


Die ideale Öffentlichkeit nach Habermas soll drei Bedingungen erfüllen:

a) Die Offenheit des Zugangs für alle gesellschaftlichen Gruppen sowie für alle Themen von kollektiver Bedeutung bis zum öffentlichen Diskurs;

b) Das Prinzip der Diskursivität im öffentlichen Diskurs. Unter Diskurs versteht Habermas ein Prozess der vernünftigen Begründung von Normen. In diesem Prozess sollen Argumente ausgetauscht und zur Überzeugung anderer Beteiligten genutzt werden (diskursives Handeln). Es gebe keinen Zwang, außer dem besseren Argument. Die öffentliche Meinung, die von Habermas als „Produkt der Diskussion“ bezeichnet wird, soll nicht durch Kompromisse, wie die meisten Fälle in der Verhandlung, sondern durch Überzeugung der besseren Argumente zustande kommen (Validierungsfähigkeit);

c) Die Legitimationsfunktion der Öffentlichkeit für die Politik. Nach Habermas’ Vorstellung sollten öffentliche Diskurse einerseits der politischen Elite die Entscheidungsressourcen einbringen, andererseits lassen sich die politischen Entscheidungen im öffentlichen Diskurs legitimieren, wodurch mehr Demokratie geschaffen werden kann.


In Habermas’ normativen Ansprüchen an die Öffentlichkeit verbirgt sich eigentlich seine Kritik an der Struktur der realen Öffentlichkeit. Laut Habermas wuchs die durch Massenmedien vorstrukturierte und beherrschte Öffentlichkeit zu einer „Vermachteten Arena“ heran (Habermas 1990: S. 28), von gut organisierten kollektiven Akteuren (Interessengruppen und Parteien) beherrscht, nicht aber vom Publikum der potenziell betroffenen Bürger selbst. Die Vermittlung der Massenmedien weise eine einseitige Richtung auf, indem Öffentlichkeit eine vom politischen System selbst hergestellte Öffentlichkeit ist.


Die Diagnose von Habermas ist durch die von Jürgen Gerhardt durchgeführte Studie zum Diskurs über Abtreibung in der Bundesrepublik von 1970 – 1994 weitgehend bestätigt (vgl.Gerhardt 1997). Dagegen weist eine weitere Studie darauf hin, dass das diskursive Handeln unter Bedingungen einer kommerziellen Medienöffentlichkeit eher die Ausnahme als die Regel ist. Durch die Diskursanalyse der Medienwirklichkeit im kommerziellen Mediensystem kommt Richard Münch zum Ergebnis, dass die Diskurse in den Medien einerseits aus Macht, Strategie, Geld und Argumentation gemischt und andererseits stets zu nichtöffentlichen Gesprächen rückgekoppelt wären (Schicha 2003: S. 121). Die Wirksamkeit der Öffentlichkeit im Hinblick auf die Beeinflussung des politischen Entscheidungssystems ist in einer pluralistischen Öffentlichkeit ebenfalls fraglich. Die Fragmentierung der Öffentlichkeit führte schließlich dazu, dass sich die verschiedenen öffentlichen Meinungen häufig wechselseitig neutralisieren (vgl. Gerhards 1998: S. 272 f.).


Trotz den oben erwähnten Widersprüchen der empirischen Studien zum Habermaschen Idealmodell lassen sich die normativen Kriterien der Öffentlichkeit jedoch nicht empirisch falsifizieren. Denn der methodische Sinn des Idealtypus liegt gerade darin, dass sie ein Bewertungsmaßstab für die empirische Forschung bietet. Habermas selbst bezeichnet sein Idealmodell auch als methodische Fiktion, die immer eine solche bleiben würde, und an der gemessen, jede Welt nur scheiten könnte (Gerhards 1997: S. 8).


Niklas Luhmann: Spiegeltheorie und konstruierte Öffentlichkeit

Wie eingangs schon erwähnt, stellt die Spiegeltheorie von Luhmann eine theoretische Gegenposition von Habermas dar. Bei Luhmann geht es der Öffentlichkeit nicht um Ideale, sondern um ein beobachtbares Phänomen, das normativ nicht „anspruchsvoll“ ist (vgl. Donges 2000: S. 111). Luhmann geht davon aus, dass die Massenmedien tagtäglich eine Vielzahl an Informationen bereitstellen. Unter solchen Umständen passiert die unmittelbare Beobachtung der Umwelt sehr selten, dagegen beobachtet man die Umwelt über die Massenmedien, die tagtäglich Berichte, Reportagen, Meldungen etc. veröffentlichen. Deshalb begreift Luhmann die Öffentlichkeit als ein Beobachtungssystem der Gesellschaft (Gerhards 1998: S. 269). In diesem Beobachtungssystem spielt der öffentliche Diskurs eine sekundäre Rolle, dagegen steht Publizität im Mittelpunkt. Die zentrale Fragestellung von Luhmann lautet deshalb: Wie kann bestimmt werden, was zur Öffentlichkeit gehört und was nicht (Jäckel 1999: S. 224)?


Öffentlichkeit als gesellschaftsinterne Umwelt
Zur Konstruktion der Öffentlichkeit wird nach der Vorstellung von Luhmann keineswegs als System mit klaren Grenzen gedacht, sondern im Gegenteil, Öffentlichkeit sollte als „gesellschaftsinterne Umwelt“ (Luhmann 1996: S. 187) betrachtet werden, die offen für andere Teilsysteme ist. Die Offenheit der Öffentlichkeit schlägt sich ebenfalls in ihrem von keinen Themen bestimmenden Kern nieder. Diesen Gedanken illustriert die Abbildung.


Die Funktion der Öffentlichkeit sieht Luhmann darin, dass sie die Selbstbeobachtung und die Herstellung einer Selbstbeschreibung von Gesellschaft mittels Veröffentlichung von Themen ermöglicht. Kurz: Öffentlichkeit dient als Reflexionsmedium. Jedoch wird Öffentlichkeit keineswegs auf das Spiegelbild der Wirklichkeit der gesellschaftlichen Teilsysteme reduziert, sie ist vielmehr die Konstruktion der Wirklichkeit auf der Grundlage der Beobachtung zweiter Ordnung.


Beobachtung zweiter Ordnung ist ein weiteres Schlagwort bei Luhmann. Es bedeutet Beobachter beobachten Beobachter (Luhmann 1992: S. 80). Eine solche Beobachtung erfordert geringe Empathie und Verstehen. Ausschlaggebend ist, dass man sich von einem anderen Beobachter unterscheiden kann. Für Luhmann wirkt die Beobachtung zweiter Ordnung wie ein Spiegel. Ein Spiegel gerade deshalb, weil kein Durchblick auf das, was dahinter steckt, möglich wäre (Luhmann 1992: S. 81). Mit der Hilfe des Spiegels kann man sowohl sich selbst beobachten (Selbstbeobachtung) als auch die Beobachtung der anderen beobachten (Fremdbeobachtung), jedoch sieht man dabei keineswegs die unmittelbare Realität. Während die Öffentlichkeit als der Spiegel der Gesamtgesellschaft angesehen wird, stellt die öffentliche Meinung einen Spiegel für Politik dar.


Laut Luhmann ist die öffentliche Meinung keineswegs die Meinung eines Aggregats von individuellen Meinungen, weil sie stets ein latentes Phänomen ist, bevor sie in der Kommunikation transparent gemacht wird. Außerdem ist es undenkbar, dass Millionen Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt gleichzeitig die gleiche Meinung artikulieren. Deshalb definiert Luhmann öffentliche Meinung als Medium der Öffentlichkeit, „in dem durch laufende Kommunikation Formen abgebildet und wieder aufgelöst werden.“ (Jäckel 1999: S. 225 f.). Die Entleerung des Begriffs macht es möglicht, dass die öffentliche Meinung als Spiegel funktioniert. In der Öffentlichkeit sehen Politiker sehen nicht das, was Menschen wirklich denken, sie sehen nur sich selbst und andere Politiker, die sich vor dem Spiegel für den Spiegel bewegen. Der Effekt des Spiegels liegt nicht in der Korrektur des Handelns, sondern in der Reflexion, so stellt Luhmann fest (vgl. Luhmann 1992: S. 84).


Anschließend stellt sich die Frage, welche Rolle spielen die Massenmedien in der Öffentlichkeit in Luhmanns Spiegelkonzeption? Für Luhmann sind Presse und Funk die Formgeber der öffentlichen Meinung (vgl. Jäckel 1999: S. 227). Diese Formgeber binden die Aufmerksamkeit des Publikums und arbeiten nach bestimmten Regeln, wie z. B. der dauerhaften Bereitstellung von etwas Neuem. Laut Luhmann wirken die Medien ebenfalls wie ein undurchsichtiger Spiegel zwischen Zuschauer und Politiker. Die beiden Seiten sehen und wissen nichts voneinander, auch wenn eine Illusion der Direktwahrnehmung durch elektronische Medien für das Publikum erzeugt wird. Bei dieser Illusion handelt es sich jedoch durchaus um die Beobachtung zweiter Ordnung. Damit konstruieren die Zuschauer eine eigene Wirklichkeit. „Wenn man eine Zeitung liest, weiß man, dass man eine Zeitung liest, und man weiß auch, dass für die Zeitung geschrieben und redigiert wird, so hält sich der mediale Konstruktivismus an die Realität seiner eigenen Konstruktionen.“ (Luhmann 1992: S. 85).

Elisabeth Noelle-Neumann: Theorie der Schweigespirale und bedrohende Öffentlichkeit

Seit den 60er Jahren plädiert Elisabeth Noelle-Neumann für den methodischen Wandel in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, indem die empirische und quantitative Feldforschung eingeführt wird (vgl. Wilke 1977: S. 7). Ihre Medienwirkungsforschung stützt sich auch vorwiegend auf repräsentative Umfragen und standardisierte Beobachtungen sowie Medienanalyse. Daher besitzt sie richtungweisenden Stellenwert für Medienforschung.


Abweichend von eng gefassten, lediglich aufs Politische bezogenen Öffentlichkeitsvorstellungen definiert Noelle-Neumann Öffentlichkeit als Tribunal, von dem jeder beurteilt und verurteilt wird (Noelle-Neumann 1998: S. 85 f.). Von diesem Tribunal versucht sich der Mensch laufend zu schützen. Das Verhalten der Menschen in der Öffentlichkeit interessiert Noelle-Neumann viel mehr als die behandelten Themen. Sie versucht aus sozialpsychologischer Perspektive es zu beschreiben. Noelle-Neumann zufolge bildet die Öffentlichkeit einen Raum, in dem der Einzelne zu beobachten versucht, mit welchen Einstellungen und Verhalten er sich „richtig“ verhält, akzeptiert und gebilligt wird. Falls nicht, würde man von einer kalten Schulter, dem Abrücken und dem ausweichenden Blick bestraft, so stellt Noelle-Neumann fest. Aus diesem Konformitätsdruck ergibt sich die Isolationsfurcht, die zum Schweigen im sozialen Leben führen könnte. Dieses Postulat von Noelle-Neumann wird durch Konformitätsexperimente von den amerikanischen Psychologen bestärkt (vgl. Jäckel 1999: S. 231 ff.).


Davon ausgegangen, widerspricht Noelle-Neumann der politisierten Definition der öffentlichen Meinung, die erst im 18. Jahrhundert mit dem Beginn der Aufklärung entsteht und sich aus thematischen Bezügen und Legitimationselementen zusammensetzt. Für Noelle-Neumann ist sie lediglich „veröffentlichte Meinung“, die mit der Erfindung der Buchdruckerpresse geboren wurde und die mit der Geheimhaltung der politischen Diskussion vor dem 18. Jahrhundert durchbrach. Von öffentlicher Meinung kann man erst dann sprechen, wenn sich ein Lager so durchgesetzt hat, dass man in der Öffentlichkeit dagegen sprechen kann, ohne Gefahr sich zu isolieren (Noelle-Neumann 1998: S. 92). Mit anderen Worten: Öffentliche Meinung ist herrschende Meinung in der Öffentlichkeit, deren Grenze nicht durch ihr Thema sondern allein durch Zeit und Ort begrenzt ist.


In dieser Definition verbirgt sich eigentlichen ein dynamischer Prozess, den Noelle-Neumann mit der Figur der Schweigespirale zu erklären versucht. Dieser Prozess sieht wie folgt aus:

„Menschen wollen sich nicht isolieren, beobachten pausenlos ihre Umwelt, können aufs Feinste registrieren, was zu- , was abnimmt. Wer sieht, dass seine Meinung zunimmt, ist gestärkt, redet öffentlich, lässt die Vorsicht fallen. Wer sieht, dass seine Meinung an Boden verliert, verfällt in Schweigen. Indem die einen laut reden, öffentlich zu sehen sind, wirken sie stärker, als sie wirklich sind, die anderen schwächer, als sie wirklich sind. Es ergibt sich eine optische oder akustische Täuschung für die wirklichen Mehrheits-, die wirklichen Stärkeverhältnisse, und so stecken die einen die anderen zum Reden an, die anderen zum Schweigen, bis schließlich die eigene Auffassung ganz untergehen kann. Im Begriff Schweigespirale liegt die Bewegung, das sich Ausbreitende, gegen das man nicht ankommen kann.“ (Jäckel 1999: 233).


In diesem dynamischen Prozess spielt die Umweltwahrnehmung der Menschen eine entscheidende Rolle. Laut Noelle-Neumann ist jeder Mensch mit einem „quasi-statistischen Wahrnehmungsorgan“ ausgestattet und kann die Meinungsverteilung zu verschiedenen Themen sehr gut registrieren, die sowohl auf direktem Wege, also auch durch Massenmedien, passiert. Dabei spielen Massenmedien eine bedeutende Rolle (vgl. Noelle-Neumann 1977: S. 172 und S. 216).


Um den Prozess der Schweigespirale empirisch zu belegen, untersucht Noelle-Neumann die deutschen Bundestagswahlen von 1965 und 1976 mittels repräsentativer Umfrage und systematischer Medieninhaltsanalyse. Im Wahljahr 1965 profitierte die CDU/CSU von dem Effekt des „Last-Minute-Swing“. Dieses Phänomen wurde früher vom amerikanischen Soziologen Lazarsfeld mit dem Begriff „Bandwagon-Effekt“ erklärt, der besagt, die Menschen würden der Kapelle des Siegers hinterherlaufen, weil jeder auf der Seite des Siegers stehen wolle. Für Noelle-Neumann ist diese Erklärung nicht vollkommen. Richtig sei beides – Bandwagon-Effekt und Schweigespirale. Die Wähler würden ihre Stimmen in den letzten Minuten eher aus Angst vor Isolation abgeben (vgl. Jäckel 1999: S. 235).


Im Wahljahr 1976 kam das Phänomen des „Last-Minute-Swing“ nicht vor, stattdessen lieferten sich CDU/CSU und SPD bzw. FDP ein „Kopf-an-Kopf-Rennen“. Es zeigte sich bei den Wählern eine gleiche Stimmverteilung zwischen den Parteien. Die Medien vermittelten dagegen durch konsonante politische Berichterstattung den Eindruck, dass die regierende SPD/FDP-Koalition gewinne. Folge war der knappe Sieg der SPD/FDP. Noelle-Neumann führte den Sieg der Koalition auf das Meinungsklima zurück, das sich nach ihrer Auffassung zu Ungunsten der CDU/CSU entwickelte. Ihre Erklärung lautete: „Das doppelte Meinungsklima … kann nur entstehen, … wenn das Meinungsklima der Bevölkerung und die vorherrschende Meinung unter Journalisten auseinander fallen“ (Jäckel 1999: S. 236). Aus dem Vergleich der Umfragen unter Wählern und Journalisten kam Noelle-Neumann zur weiteren Kenntnis: „Nur diejenigen, die die Umwelt mit den Augen des Fernsehens häufiger beobachtet hatten, hatten den Klimawechsel wahrgenommen, diejenigen, die ohne die Fernsehaugen ihre Umwelt beobachtet hatten, hatten nichts vom Klimawechsel bemerkt.“(ebenda). Dieses Ergebnis bestätigt wiederum die These von Noelle-Neumann, nämlich die, über Massenmedien vermittelte Meinungen seien für die Umweltwahrnehmung der Menschen von größerer Bedeutung (ebenda: S. 234).


Der Kritikpunkt zur Theorie der Schweigespirale richtet sich vor allem an die Überschätzung der Isolationsfurcht der Individuellen im sozialen Leben. Ungeachtet ist dagegen die Bereitschaft der Menschen, die Umwelt zur Kenntnis zu nehmen. Insgesamt erschien die theoretische Konstruktion der Schweigespirale überzeugender als die empirischen Befunde, die immer wieder Anlass zu Kritik gaben, so beurteilt der Trierer Soziologe Michael Jäckel (vgl. Jäckel 1999: S. 235 und S. 237). Jedoch haben die Theorie der Schweigespirale und die daraus entwickelte Methodik die Medienforschung fruchtbar gemacht(vgl. Wilke 1977: S. 7).

Anwendung in der Medienwissenschaft

Die Anwendung in der Medienwissenschaft finden die Theorien der Öffentlichkeit vor allem in der Auseinandersetzung mit dem Gegenstand „Medien und Politik“. Die Forschungsinteressen konzentrieren sich vorwiegend auf die politischen Leistungen der Massenmedien in der Aufnahme und Verarbeitung der Themen sowie der Vermittlung der sich daraus ergebenden Meinungen. Im Folgenden werden einige relevante Forschungsergebnisse kurz vorgestellt:


Entpolitisierung der Öffentlichkeit: Dieser Begriff gilt vor allem als Vorwurf aus wissenschaftlicher Seite im Fernsehzeitalter, der sich auf eine mangelnde Vermittlungsleistung des Fernsehens richtet. Die häufig im Fernsehen zu sehenden Pressekonferenzen, Hände schüttelnde Politiker usw. vermitteln ein vereinfachtes Bild der Politik. Die zeitlichen Restriktionen der Fernsehsendung reduzieren zusätzlich die Komplexität dieses Handlungsfeldes. Das Publikum könnte sich durch das Fernsehen nicht adäquat informieren und würde daher „anpolitisiert“ (vgl. Jäckel 1999: S. 246)


„Infotainment-Öffentlichkeit“: Dieser Begriff manifestiert einen neuen Typus der Öffentlichkeit, der mit der Vermehrung der Unterhaltungsangebote in den Massenmedien entsteht. Zahlreiche Studien versuchen die Auffassung zu bestätigen, dass je mehr Unterhaltung vom Zuschauer genutzt wird, je unterhaltsamer die Politik präsentiert wird, desto größer die Chance zu einer Abkehr von der Politik ist. Folgt man anderen Studien, kann die unterhaltsamere Präsentation von Politik hingegen bei jungem Publikum ankommen, welches sich Politikinformation vormals nur mangels Alternativen zugewandt hat. Diese Entwicklung kann dazu führen, dass die Medienangebote sich nicht mehr an einer strengen Trennung von Information und Unterhaltung orientieren.


Fragmentierung der Öffentlichkeit und Teil-Öffentlichkeiten: Mit der Vermehrung der Medienangebote und Fragmentierung des Publikums spaltet sich die Öffentlichkeit in eine Vielzahl gegeneinander abgeschotteter Teil- und Unterforen auf. Unter solchen Umständen kommt der Integrationsfunktion der Massenmedien eine wachsende Bedeutung zu.


Privatisierung des Öffentlichen: Damit wird die Zunahme von Human-Interest-Stories, Betroffenheitsjournalismus und Boulevardjournalismus beschrieben. Die Konsequenz für die Politikdarstellung ist die steigende Personalisierung und Elite-Orientierung.


Medialisierung der Politik: Dieser Begriff steht für die Bedeutungssteigerung der Medienlogik in der Politik. Indize dafür: Die Nachrichtenwerte werden immer wichtiger für die Prioritätsordnung politischer Probleme. Der politische Entscheidungsprozess setzt sich unter den Zeitdruck der Nachrichtenrhythmik. Telegene Kandidaten schaffen in der Politik ein Starsystem usw.


„Agenda-setting“: Dieser Ausdruck bezeichnet die Funktion der Massenmedien, die in der öffentlichen Diskussion selbst Themen einsetzen und die Agenda erzeugen können. Die erste empirische Untersuchung dazu ist im Kontext der Wahlkämpfe in den 60er Jahren durchgeführt worden. Sie zeigt, je häufiger die Themen kurz vor dem Wahltag in den Medien behandelt werden, desto höher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Publikum sie im Wahlkampf für wichtig hält. Dieser Ansatz bildet auch die Grundlage für die Theorie der Schweigespirale.

Kritik und Weiterentwicklung der Theorien

Bis jetzt ist die Öffentlichkeitsforschung von einer normativen Konzeption bestimmt. Der Mangel an systematischer Herangehensweise erschwert die empirische Analyse. Dominierend sind immer noch die deskriptiv-kognitiven Studien. Darüber hinaus ist eine weitergehende Differenzierung in der multimedialen Ära auch notwendig und nötig. Die konkrete Analyse der Öffentlichkeit, die sich entweder aus einem Einzelmedium oder aus der inter-medialen Interaktion heraus kristallisiert, kann durch pauschale Medienkritik nicht ersetzt werden.

Literatur

1. Donges, Patrick/Imhof, Kurt (2000): Öffentlichkeit im Wandel, in: Jarren, Otfried/Bonfadelli (Hrsg.): Einführung in die Publizistikwissenschaft, Bern, S. 101-133.

2. Gerhards, Jürgen (1997): Diskursive und liberale Öffentlichkeit, in: KZfSS, Jg. 49 H.1/1997, S. 1-34.

3. Gerhards, Jürgen (1998): Öffentlichkeit, in: Jarren,Otfried/Sarcinelli/Saxer(Hrsg.): Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft, Wiesbaden, S.268-274.

4. Jäckel, Michael (1999): Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung und die Bedeutung der Medien, in: Ders.: Medienwirkungen, Ein Studienbuch zur Einführung, Wiesbaden, S.215-248

5. Luhmann, Niklaus (1992): Die Beobachtung der Beobachter im politischen System: Zur Theorie der Öffentlichen Meinung, in: Wilke, Jürgen (Hrsg.): Öffentliche Meinung, Theorie, Methoden, Befunde, Beiträge zu Ehren von Elisabeth Noelle-Neumann, Freiburg, S.77-86.

6. Neidhardt, Friedhelm (1997): Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, Soziale Bewegung, in: Ders. (Hrsg.): Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, Soziale Bewegung, Konstanz, S.7-41.

7. Noelle-Neumann, Elisabeth (1977): Öffentlichkeit als Bedrohung, Beiträge zur empirischen Kommunikationsforschung, München.

8. Noelle-Neumann, Elisabeth (1998): Öffentliche Meinung, in: Jarren,Otfried/Sarcinelli/Saxer(Hrsg.): Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft, Wiesbaden, S.81-93.

9. Schicha, Christian (2003): Kritische Medientheorien, in: Weber, Stefan(Ed.): Theorien der Medien. Von der Kulturkritik bis zum Konstruktivismus, Konstanz, S. 109-127.

10. Schönbach, Klaus (1998): Politische Kommunikation – Publizistik – und kommunikationswissenschaftliche Perspektive, in: Jarren,Otfried/Sarcinelli/Saxer(Hrsg.): Politische Kommunikation in der demokratischen Gesellschaft, Wiesbaden, S.114-132

11. Wilke, Jürgen (1977): Vorwort, in: Noelle-Neumann, Elisabeth: Öffentlichkeit als Bedrohung, Beiträge zur empirischen Kommunikationsforschung, München, S.7-12.

Weblinks

Habermas:

Bibliographie mit Primär- und Sekundärliteratur von Habermas (PDF)

Werke von Habermas (Online-Buchhandlung)

Habermas online zu hören (Radio Bremen)

Habermas Forum (Englisch)

Jürgen Habermas - Wikipedia

Biografie von Habermas

Luhmann:

Bibliographie mit Primär- und Sekundärliteratur von Luhmann (PDF)

Werke von Luhmann (Online-Buchhandlung)

Niklas Luhmann online zu hören (Radio Bremen)

Niklas Luhmann - Wikipedia

Biographie von Luhmann

Noelle-Neumann:

Persönliche Homepage von Elisabeth Noelle-Neumann

Elisabeth Noelle-Neumann - Wikipedia

Persönliche Werkzeuge