Theorien der Medienkommunikation 2: Dialogtheorien

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Inhaltsverzeichnis

Medienkommunikation als dialogische Kommunikation

Betrachtet man einen einzelnen Beitrag in der Medienkommunikation, z.B. einen einzelnen Zeitungsartikel, entsteht der Eindruck, Medienkommunikation sei monologisch (vgl. im folgenden Bucher 1994: 471-472). Die Dialogtheorien betrachten aber hier die Zusammenhänge, in denen Medienbeiträge stehen.

Medienbeiträge

  • können Reaktionen auf andere Beiträge sein (z.B. Leserbriefreaktionen)
  • können Fortsetzungen anderer Beiträge sein („wir berichteten“)
  • können mit Parallelbeiträgen anderer Medien konkurrieren
  • haben i.d.R. kommunikative Vorgeschichte

Mit dieser Sichtweise zeigt sich, dass Medienbeiträge ein "Geflecht dialogischer Kommunikationszusammenhänge" (Bucher 1994: 472) bilden.

Dialogtheorien: Wurzeln und Entwicklung

"pragmatische Wende"

In der Linguistik galt der Sprachgebrauch lange Zeit als nicht theorierelevant (vgl. im folgenden Bucher 1999b: 287-289). Nach de Saussure (Anfang 20.Jh.) unterscheidet die Linguistik zwischen der Sprache an sich („langue“) und dem Sprechen („parole“), und beschäftigte sich nur mit „langue“. Erst in den 1970er Jahren brachte die pragmatische Wende ein Umdenken: Der Sprachgebrauch wird theoriefähig. Erste Ansätze bei Karl Bühler bereits in den 1930ern und die „Semiotik“ von Charles Morris (1970er), der zwischen Syntax, Semantik und Pragmatik unterschied. Pragmatik bedeutet dabei die Beziehung von Zeichen zu den Interpretanten. Die pragmatische Wende stellt also einen Paradigmenwechsel da, unter dem Stichwort „Pragmatik“ erheben integrative Theorien den Sprachgebrauch zum theoretischen Gegenstand: Sprache und ihr Gebrauch stehen in einem Zusammenhang.

Für diese pragmatische Wende waren zwei Einsichten zentral:

  • Zum einen wird das Sprechen als eine „Form des sozialen Handelns“ (Bucher 1999b: 289) anerkannt: der Sprecher verfolgt bestimmte Absichten, reagiert mit dem Sprechen auf bestimmte Bedingungen. Vorher wurde das Sprechen eher als eine Art „Artikulation formal korrekter Ausdrucksketten“ (Bucher 1999b: 289) gesehen
  • Zum anderen wird deutlich, dass der Kommunikationszusammenhang, also der Kontext, in dem ein sprachlicher Ausdruck gebraucht wird, wesentlich für das Verständnis dieses Ausdrucks ist.

Diese Sichtweise ermöglicht eine Verbindung von Linguistik und Medienwissenschaft. Die sprachwissenschaftliche Medienforschung betrachtet nun Medienbeiträge als komplexe Handlungszusammenhänge. Aufgrund dieser Perspektive ist es auch wichtig, das Verstehen von Kommunikation zu betrachten: Die Linguistik unterscheidet zwei Traditionen:

  • Den Regelansatz, der auf das Sprachspielkonzept von Ludwig Wittgenstein zurückgeht. Wittgenstein sagt hierzu: „Wissen wie ein Wort gebraucht wird, ist so, wie zu wissen, welche Züge man mit einer Schachfigur machen kann“ (Wittgenstein 1984: 147 Orig. 1932/33, zitiert nach Bucher 1999b: 291). Auf dieses Sprachspielkonzept baut auch die Beschreibung von Sequenzmustern wie „Frage-Antwort“ und „Vorwurf-Entgegnung“ auf (vgl. zum Regelansatz Bucher 1999b: 291).
  • den Prinzipienansatz, der auf Paul Grice zurückgeht, der in seiner „Theorie der konversationellen Implikaturen“ grundlegende Kommunikationsmaximen voraussetzt. Grundidee ist, dass wir mit jeder Äußerung mehr meinen als wir sagen. Für das gegenseitige Verstehen nehmen wir deshalb an, dass sich unser Kommunikationspartner an bestimmte Prinzipien und Maximen hält. „Konversationelle Implikatur“ ist dann nach Grice das Verständnis, das wir aus dem Gesagten bilden. Allgemeines Prinzip ist dabei das Kooperationsprinzip: Jeder Kommunikationspartner gestaltet seinen Beitrag so, wie es die akzeptierte Richtung des Gesprächs erfordert. Dieses Prinzip wird durch vier Maximen konkretisiert:
    • Maxime der Qualität: es soll nichts gesagt werden, dass nicht wahr ist.
    • Maxime der Quantität: ein Kommunikationsbeitrag ist gerade genau so informativ wie nötig.
    • Maxime der Relation: Kommunikationsbeitrag soll relevant sein.
    • Maxime der Modalität: Kommunikationsbeitrag soll kurz und geordnet sein.

Diese Maximen sind im Prinzip gültig, es kann aber auch gegen sie verstoßen werden (vgl. zum Prinzipienansatz Bucher 1999b: 291-292).

konstruktivistische Sichtweise von Text und Kontext

Ein zweiter Aspekt, der zur Entwicklung von Dialogtheorien beiträgt, ist die konstruktivistische Sichtweise von Text und Kontext (vgl. im folgenden Bucher 1999a: 216-218). Diese wurde von zwei wissenschaftlichen Wurzeln geprägt:

Wer kommunikativ handelt, übernimmt die Verpflichtung, dass bestimmte Kommunikationsbedingungen gegeben sind, bzw er legt sich darauf fest, dass diese gegeben sind. In der Medienkommunikation sind demnach die Mehrfachautorenschaft, die Mehrfachadressierung und medienspezifische Präsentationsbedingungen zu beachten. Mit der konstruktivistischen Perspektive werden also die Mikroebene (die reine Textbetrachtung) und die Makroebene (die Kontext-Betrachtung) kombiniert.


die pragmatische Wende und die kommunikationsdynamische Betrachtungsweise ermöglichen eine systematische Analyse der strukturellen Zusammenhänge in der Medienkommunikation, also eine Text-Kontext-Betrachtung. Die Struktur eines Textes und die sprachliche Umsetzung sind also immer im Kontext zu sehen. Dieser Kontext lässt sich in drei Bereiche gliedern:

  • das Entstehungsumfeld eines Textes im Sinne von sozialen und politischen Gegebenheiten,
  • die Produktionsprozesse z.B. in einer Redaktion,
  • die Rezeption der Beiträge durch Leser oder Zuschauer.

Aufgrund der dynamischen Betrachtungsweise ist nicht ein einzelner Sprechakt die Analyseeinheit, sondern wir müssen in Sequenzmustern, in konventionalisierte Abfolgen von Handlungen denken. Sequentielle Zusammenhänge zeigen sich z.B. bei einem Leserbrief, der auf einen Zeitungsartikel reagiert, oder in einer Fernsehkritik in einer Tageszeitung

Grundlagen der Dialogtheorien

Dialogischer Kommunikationsbegriff

Ein dialogischer Kommunikationsbegriff unterscheidet sich von einem soziologischen oder publizistischen Kommunikationsbegriff (vgl. Bucher 1994: 472-473):

  • Die soziologische und publizistische Medienforschung sieht Beiträge und Texte nur als intervenierende Variablen, in der dialoganalytischen Medienforschung sind Beiträge und Texte der Untersuchungsgegenstand selbst.
  • Während sich soziologische und publizistische Medienforschung mit Signalen, Zeichen oder Informationen beschäftigen, betrachtet die dialoganalytische Medienforschung kommunikative Handlungen, also eine übergeordnete Ebene.
  • Die Sichtweise auf den Rezipienten ist unterschiedlich: aus soziologischer Sicht ist der Rezipient passiv, hier überwiegen wirkungsorientierte Sender-Empfänger-Modelle. Die dialoganalytische Sichtweise sieht das Verstehen von Medienbeiträgen als individuell und damit als offen an.

Dialogisches Prinzip

Aus der Sichtweise, dass man Medienbeiträge als dialogisch zusammenhängend betrachtet, ergibt sich das dialogische Prinzip bzw. das dialogische Verfahren als Instrument zur Medienanalyse (vgl. hierzu Bucher 1994: 472). Kernaussage dieses Prinzips ist, dass das wirklich Relevante an einem Medienbeitrag nicht durch eine Analyse des einzelnen Beitrags festzustellen ist, sondern nur durch Betrachtung seiner "kommunikativen Einbettung" (Bucher 1994: 472), also der Folgebeiträge und Reaktionen. Allgemein kann man auch von einem "kommunikativen Verfahren" (Bucher 1994: 472)sprechen.

Strukturbereiche der Medienkommunikation

Die Strukturbereiche der Medienkommunikation ergeben sich durch eine integrative Betrachtung von Mikro- und Makrostrukturen (vgl im folgenden Bucher 1994: 473-474): Die mikrostrukturelle Forschung ist text- und beitragsorientiert, die makrostrukturelle rekonstruiert medienabhängige, gesellschaftliche Kontexte. Das Problem hierbei ist, das gerade die integrative Analyse beider Ansätze, also des Zusammenhangs von Text und Kontext wichtig ist. Hier greift das dialogische Prinzip. Die Dichotomie von Mikro- und Makroebene wird durch eine kommunikationsdynamische Betrachtung überwunden. So lassen sich drei Strukturbereiche der Medienkommunikation unterscheiden, welche die Kommunikationszusammenhänge systematisieren und daher nicht autonom betrachtet werden können:

  • Medienkommunikation lässt sich - im Gegensatz zur face-to-face-Kommunikation - in verschiedene Kommunikationsebenen unterscheiden (vgl. hierzu Bucher 1994: 474-476):
    • Die Ebene der Präsentation beinhaltet Präsentationshandlungen, wie z.B. die Filmarbeit des Kameramanns oder die Einführung in ein Talkshow-Thema durch den Moderator. Präsentationshandlungen sind aber auch z.B. Äußerungen von Talkshow-Gästen, die sich an das Publikum richten.
    • Die Darstellungsebene ist abzugrenzen von der Ebene des Dargestellten: die Darstellung bezieht sich auf die Art und Weise, wie z.B. ein Journalist ein Thema darstellt: für diese Darstellungsweise kann er kritisiert werden (z.B. durch Veröffentlichung von skandalösen/unpassenden Fotos) à hier geht es also um die Handlung des Journalisten
    • Die Ebene des Dargestellten bezieht sich auf das, was in einem journalistischen Beitrag dargestellt wird: hier geht es also um die Handlung, über die berichtet wird. Diese Ebene wird z.B. in Leserbriefen deutlich, die ein Thema eines Artikels aufgreifen.
  • Von diesen Ebenen lassen sich beitragsübergreifende Kommunikationszusammenhänge unterscheiden (vgl. hierzu Bucher 1994: 476-478):
    • redaktionelle Zusammenhänge: Recherche, Produktionsbedingungen
    • periodische Zusammenhänge: diese bestimmen die Kommunikationsdynamik, z.B. ist die Dynamik von Radionachrichten aufgrund der höheren Periodizität eine andere als bei Tageszeitungen
    • konstellative Zusammenhänge: Medienbeiträge in Konstellation mit anderen, z.B. als Teil einer Zeitungsseite, oder als Beitrag in einer TV- Sendung
    • dialogische Zusammenhänge: monologische Beiträge können auch dialogisch betrachtet werden, wenn Folgebeiträge mit einbezogen werden. Dann gibt es z.B. Anschlussäußerungen, die auf den vorherigen Beitrag verweisen
    • intermediale Zusammenhänge: Nutzung anderer Medien als Quelle, kritische Auseinandersetzung mit anderen Medien
  • Beitragsinterne Kommunikationsstrukturen (vgl. hierzu Bucher 1994: 478-480): Medienbeiträge lassen sich nach bestimmten Aspekten und Ebenen systematisieren, z.B. nach Wortwahl und Formulierungen (lexikalisch), nach Aufmachungs- und Darstellungsformen, nach Text-Bild-Zusammenhängen etc. Auf diese Aspekte können Anschlusskommunikationen, wie z.B. Leserbriefe, Zuschauerzuschriften oder Fernsehkritiken reagieren. Kennzeichen einer dialog- oder kommunikationsanalytischen Medienforschung ist es, dass diese verschiedenen Aspekte integriert und in einen Zusammenhang gebracht werden. Insofern liegt eine funktionale und integrative Analyse vor. Merkmale von Medienbeiträgen werden dabei auf journalistische Handlungen und Handlungsmuster zurückgeführt: Handlungen zeigen sich z.B. in sprachlichen Ausdrücken, die eine Quellenperspektive kennzeichnen (Neutralität des Journalisten), die betonen wollen oder eine bestimmte Darstellungsstrategie verfolgen (z.B. Saddam Hussein als Diktator bezeichnen). Textsorten werden als Handlungsmuster verstanden: hier können bestimmte sprachliche Mittel (also Handlungen) typisch sein, z.B. ist ein Kommentar als journalistische Handlung eine Meinungsbildung.

Dialoge in den Medien – Kommunikationsbedingungen

Gegenüber den dialogischen Aspekten gibt es in der Medienkommunikation auch Dialoge im ursprünglichen bzw. gebräuchlichen Sinne, z.B. in Form von Interviews. Da Zeitungsinterviews überarbeitete Texte darstellen, beschränkt sich die folgende Sichtweise eher auf Radio und Fernsehen (vgl. hierzu und im folgenden Bucher 1994: 483). Grundsätzlich lassen sich Mediendialoge nach der Konstellation der Gesprächspartner und der Gesprächsorganisation unterscheiden (z.B. Interviews, Fernsehdiskussionen, Streitgespräche). Die Medienspezifik von Mediendialogen wird erstens deutlich an den vorliegenden Bedingungen und zweitens an der Kommunikationsdynamik.

  • komplexe Produzenten-Konstellation: der Dialog wird von zwei oder mehreren Gesprächspartnern produziert. Das geschieht z.B. vor dem Hintergrund, dass es sich um eine Fernsehsendung handelt, es also bestimmte mediale Bedingungen gibt.
  • Mehrfachadressierung: ein Moderator agiert immer auch im Hinblick auf das Publikum im Studio oder am Fernseher, indem er nachfragt, um Erklärungen bittet oder zusammenhänge erläutert. Ebenso agieren z.B. Politiker immer auch im Hinblick auf das Publikum als potentiellen wähler, indem sie auch für ihre Partei werben, oder sich direkt ans Publikum wenden. So lässt sich zwischen einem inneren und einem äußeren Kommunikationskreis unterscheiden: die Dialogpartner untereinander im inneren und das Publikum im äußeren.
  • Präsentationshandlungen: z.B. Themeneinführung durch den Moderator, das Vorstellen der Gäste etc., aber auch die Arbeit des Kameramanns bei Fernsehdiskussionen
  • unterschiedliche Wissenskonstellationen, die aber gleichzeitig gegeben sind: z.B. kann der Moderator Dinge erfragen, die zwar ihm und dem Befragten, nicht aber dem Publikum bekannt sind. Oder er fragt etwas, das allen bekannt ist, um z.B. zu provozieren. Möglicherweise ist die Antwort aber auch nur dem Befragten selbst bekannt.

Dialoge in den Medien – Strategien, Kommunikationsdynamik & Kommunikationsdilemmata

Mediendialoge sind kompetitive Kommunikation, da die Interessen der Kommunikationspartner miteinander im Konflikt stehen (vgl. Bucher 1994: 487). Beide verfolgen unterschiedliche Strategien, um ihre Absichten zu erreichen. Der Moderator verfolgt z.B. bestimmte Dialogsteuerungs- und Fragestrategien, sein Kommunikationspartner Beantwortungs-, Entgegnungs- und Diskussionsstrategien. Dadurch entsteht die Kommunikationsdynamik. Das Erreichen kommunikativer Absichten wird erschwert durch folgende Dialogdilemmata (vgl. hierzu Bucher 1999a: 226):

  • Festlegungsdilemma: Mediendialoge sind in größere Kommunikationszusammenhänge eingebettet: eine Äußerung kann in einem Mediendialog weitreichende Folgen haben, indem z.B. eine Politikeraussage zum Stolperstein im Wahlkampf wird. Moderatoren versuchen, ihre Gesprächspartner zu Festlegungen zu zwingen, indem sie z.B. geladene Fragen stellen: Damit zwingen sie den Gesprächspartner, auf bestimmte Voraussetzungen einzugehen, und schränken so seinen Handlungsspielraum ein.
  • Konkurrenz-Kooperationsdilemma: illustriert das Problem, das die Gesprächspartner unterschiedliche, miteinander konfligierende Ziele verfolgen (Konkurrenz). Um eine Eskalation zu vermeiden, müssen Kommunikationssziele immer wieder miteinander abgestimmt werden (Kooperation).
  • Prinzipiendilemma: es bestehen gleichzeitig unterschiedliche Prinzipien, z.B. die Kommunikationsziele der Gesprächspartner (Informativität und Neutralität beim Moderator; Interessensvertretung oder Werbung beim Talkgast) und die Erwartungen des Publikums (Unterhaltung).
  • Infotainment-Dilemma: greift die Frage auf, ob und wie Information und Unterhaltung miteinander vereinbar sind.

Ethnomethodologische Konversationsanalyse als Analyseverfahren

Die Konversationsanalyse bildete sich eher aus einem Zufall aus der so genannten Ethnomethodologie heraus, denn Harvey Sacks, der als Erfinder der Konversationsanalyse gilt, war eigentlich Schüler von Harold Garfinkel, der wiederum in der Tradition von Alfred Schütz und Talcott Parsons steht, welche die Ethnomethodologie als eigenständige Forschungsdisziplin der Soziologie ausarbeiteten (vgl. zur Entwicklung der Konversationsanalyse Ayaß 2004: 7). Diese Disziplin legt ihr Hauptaugenmerk auf die Herstellung sozialer Wirklichkeit in sozialen Handlungen (vgl. Ayaß 2004: 7) und geht davon aus, dass die soziale Ordnung selbst vom Handelnden stets „hergestellt, erzeugt und fortgeführt“ (Ayaß 2004: 7) wird. Soziale Wirklichkeit ist demnach nach Garfinkel ein „„ongoing accomplishment“, eine Vollzugswirklichkeit“ (Ayaß 2004: 7). Als Beispiel wäre hier Garfinkels Untersuchung aus der Genderforschung "Passing" über die Transsexuelle "Agnes" anzuführen, die im Handeln ihr Geschlecht selbst erwirbt. Hier geht man von Geschlecht als eine interaktive Herstellungsleistung aus, was man als "doing gender" bezeichnet (vgl. hierzu Ayaß 2004: 7-8).

Bei der Ethnomethodologie ist der Begriff des "doing" stets zentral (vgl. Ayaß 2004: 8) und lässt sich auf alle Situationen übertragen („doing questioning“, „doing embarrassment“ (Churchill 1971: 183, zitiert nach Ayaß 2004: 8)).

Harvey Sacks beschrieb die Entstehung der Konversationsanalyse in den 60ern mit seinen "Lectures" wie folgt: "It was not from any large interest in language or from some theoretical formulation of what should be studied that I started with tape-recorded conversations, but simply because I could get my hands on it and could study it again and again, and also, consequentially, because others could look at what I had studied and make of it what they could, if, for example, they wanted to be able to disagree with me." (Sacks 1984: 26, zitiert nach Ayaß 2004: 7).

Das Besondere an der Konversationsanalyse ist also die Nachvollziehbarkeit der untersuchten Quellen, da die analysierten Dialoge aufgezeichnet werden.

In der Vergangenheit wurden Ethnomethologie und Konversationsanalyse stets getrennt. Nach Ruth Ayaß wäre eine Verbindung der beiden Methoden aber sinnvoll, wie etwa die ethnomethodologische Konversationsanalyse, eine qualitative Methode, die mehr und mehr auch massenmediales Material untersucht.

Das Material der ersten empirischen Untersuchungen der Konversationsanalyse entstammt jedoch überwiegend aus Alltagsgesprächen, die man auf Tonband aufzeichnete, was zu diesem Zeitpunkt ungewöhnlich war. Frühere Untersuchungen nutzten hauptsächlich Telefongespräche, da hier "nonverbale Mitteilungsressourcen" (Ayaß 2004: 8), die bei der Aufzeichnung verloren gehen, auch den Kommunizierenden selbst nicht zur Verfügung stehen (vgl. Ayaß 2004: 8). Im Zentrum der Analyse stehen "turns", das heißt "Redezüge, deren interaktive Hervorbringungen und sequentielle Ordnungen" (Ayaß 2004: 9) untersucht werden. Die kleinstmögliche Form dieser Ordnungen wird Paarsequenz (adjacency pair) (Ayaß 2004: 9) genannt: an eine Frage wird stets eine bestimmte Erwartung geknüpft (vgl. Ayaß 2004: 9).

Bereits nach den ersten Untersuchungen ließ sich eine Geordnetheit in Konversationen feststellen. Konversationen verlaufen demnach nach bestimmten Schemata wie etwa die Aushandlung von Redeübergaben, Ordnung von Redezügen in Sequenzen, Reparaturen und Korrekturen, Techniken, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen und aufrechtzuerhalten, Überlappungen oder Unterbrechungen.

Die Konversationsanalyse basiert somit auf der Überlegung, dass "möglicherweise kein Element (…) [in einem Gespräch] zufällig ist" (Ayaß 2004: 9).

Forschungsfelder der Konversationsanalyse

In der Regel wird das Material transkribiert, womit die Konversationsanalyse unmittelbar mit der linguistischen Gesprächsanalyse verbunden ist, und zwar in personeller und institutioneller Hinsicht (vgl. hierzu und im folgenden Ayaß 2004: 9-10). Der Unterschied liegt in der Bedeutung des Materials, denn während das sprachliche Material für die Konversationsanalyse nur eine von vielen Quellen ist, ist es bei der linguistischen Gesprächsanalyse die wichtigste. So wird bei der Konversationsanalyse beispielsweise zunehmend auch die visuelle Ebene berücksichtigt. Dieser Wandel vollzog sich in den 80er Jahren. Hier setzten Goodwin (1981) und Heath (1986) bei ihren Untersuchungen erstmals Videotechnik anstelle reiner Tonmitschnitte ein (vgl. Ayaß 2004: 11). Seit einigen Jahren wird die Konversationsanalyse auch auf dem Gebiet technischer und medial vermittelter Kommunikationssituationen eingesetzt, beispielsweise "im Cockpit, wo die (…) Daten [vom Piloten] (…) über technische Anzeigen "gelesen" werden" (Ayaß 2004: 11) und die Interaktion zwischen Mensch und Maschine untersucht wird. Zunehmend erfolgt eine "Medialisierung des Gegenstands" sowie die "Visualisierung des Materials" (Ayaß 2004: 11).

Bedeutsamer sind in diesem Zusammenhang jedoch medial vermittelte Kommunikationen zwischen zwei oder mehreren Teilnehmern, wie die Untersuchungen der "studies of work" oder Studien der Computer Supported Cooperative Work (CSCW). Auch Untersuchungen von Chats, e-mails etc. zählen zu den neuen Forschungsfeldern (vgl. Ayaß 2004: 11-12). Nicht zu vernachlässigen sind zudem die Untersuchungen zur massenmedialen Kommunikation, sprich der "one-to-many"-Kommunikation, insbesondere der Nachrichtenkommunikation (vgl. Ayaß 2004: 113).

Wenn man Untersuchungen aus dem Bereich der Konversationsanalyse in das bewährte dreiteilige Schema, also Produktionsanalyse, Rezeptionsanalyse und Produktanalyse aufteilen müsste, wäre im Bereich der Produktionsanalysen die Untersuchung von Clayman und Reisner aus dem Jahr 1998 zu nennen, die den Gatekeeper konversationsanalytisch erforschten (vgl. Ayaß 2004: 13). Dabei ging es um den „Prozess des Gatekeeping, also wie "newsworthiness" während einer Konferenz erst hergestellt wird“ (Ayaß 2004: 13).

Im Bereich der Rezeptionsanalysen sind die Untersuchungen von Ulmer/Bergmann 1993/Keppler 1994 anzuführen, die am Beispiel von Familientischgesprächen analysierten, "wie mediale Inhalte (…) aufbereitet, rekonstruiert und re-inszeniert werden" (Ayaß 2004: 13). Sie fanden heraus, dass Medieninhalte nicht einfach "wirken", sondern, so Keppler, erst "durch das Nadelöhr der alltäglichen Kommunikation" (Keppler 1994: 251, zitiert nach Ayaß 2004: 13-14) müssen.

Zu den Produktanalysen zählen Untersuchungen medialer Produkte wie Radiosendungen (v.a. Call-In-Sendungen) und Fernsehnachrichten (hier fast ausschließlich Nachrichteninterviews, ein Bereich, der innerhalb der Konversationsanalyse immer bedeutender wird).

Anzumerken ist allerdings, dass sich die Konversationsanalyse nicht eindeutig in dieses traditionelle dreiteilige Schema einordnen lässt (vgl. Ayaß 2004: 15). Im Grunde handelt es sich bei allen Untersuchungen um Produktionsanalysen, was der Begriff des "doing" impliziert.


Anwendung der Dialogtheorie in der Medienwissenschaft - Beispiele

Beispiel Nachrichteninterviews

Das Interview galt zunächst als die wichtigste Recherchequelle für Journalisten, bis sich daraus ein eigenständiges Produkt entwickelte. Neuerungen ermöglichten beispielsweise Live-Schaltungen in die ganze Welt. Es ist besonders attraktiv (ebenso wie Diskussionsrunden, Debatten, Zuschauerfragen) aufgrund seiner Spontaneität und seines Live-Charakters, da dies stets ein gewisses Risiko birgt.

Das klassische Nachrichteninterview zeichnet sich in der Regel aus durch eine bestimmte Personenkonstellation, ein Thema, über das debattiert wird, und die Interagierenden, welche das Thema diskutieren. Der Interviewer ist in der Regel bekannt als professioneller Journalist und das Publikum übt keinen Einfluss auf das Geschehen aus. Der Interviewer hat in seiner Rolle (Verteilung des Rederechts und Neutralität) auch eine demokratische Funktion. Ein wesentliches Merkmal der Nachrichteninterviews ist, dass die "Verteilung der Redezüge auf ein Frage-Antwort-Format von vorne herein festgelegt" (Ayaß 2004: 17) ist. Dabei übernimmt der Interviewer die „Rolle des Fragenden“ und der Interviewte die „des Antwortenden“ (Ayaß 2004: 17). Die Interagierenden orientieren sich an dieser Erwartung (vgl. hierzu und im folgenden Ayaß 2004: 17-18). Selbstverständlich gibt es hier Abweichungen, z.B. wenn der Interviewer ein inhaltliches Statement anführt, sich also selbst äußert, und gegebenenfalls im Anschluss daran eine Frage stellt. Beliebt ist in diesem Zusammenhang, mit einem Zitat eines Dritten auf ein Problem hinzuweisen, da der Interviewer auf diese Weise seine Objektivität und Neutralität wahren kann.

Wesentlich ist jedoch, dass Interviewer und Interviewter für einen "overhearer" und eine "overhearing audience" produzieren (vgl. Ayaß 2004: 18). Es handelt sich also um eine interpersonelle Kommunikation, die zugleich an ein Massenpublikum gerichtet ist. Der Konversationsanalytiker spricht in diesem Zusammenhang von "doing Interviewing" (Ayaß 2004: 18) und sieht das Interview als eine "kollaborative Herstellungsleistung" (Ayaß 2004: 18) aus.

Redegewandtheit ist enorm bedeutend für Figuren, die in der Öffentlichkeit stehen, insbesondere für Politiker, um deren Ansehen zu fördern. So gibt es Interviewer, die bekannt sind für ihre Fähigkeit, kritische Fragen zu stellen (Ted Koppel, Jeremy Paxman), und Politiker, die entweder besonders gut mit Interviews umgehen können (John F. Kennedy) oder solche, die Schwierigkeiten haben, wenn eine unerwartete Frage gestellt wird (Ronald Reagan).

Dan Rather vs. George Bush sen. (vgl. zu diesem Beispiel Ayaß 2004: 18-20): Ein Beispiel, wo die unausgesprochenen Regeln des Interviews verletzt worden sind, ist das Interview zwischen dem Nachrichtensprecher der CBS Dan Rather und dem damaligen Vizepräsidenten und Präsidentschaftskandidaten George Bush sen., das am 25. Januar 1988 per Live-Schaltung geführt wurde. Zum Zeitpunkt des Interviews stand Bush in der Beliebtheitsskala vorn und die CBS Evening News war die Sendung mit den höchsten Einschaltquoten. Das Ereignis ist insofern von derart großer Bedeutung, da sich sogar eine "Special Section" der Zeitschrift "Research on Language and Social Interaction" von 1988/89 mit diesem Interview befasst, das in den USA großes Aufsehen erregte und von der "Time" als "Video High Noon" bezeichnet wurde. Es dauerte 9 Minuten und thematisierte den Iran-Contra-scandal. Was wie ein ""normales" Interview" (Ayaß 2004: 19) begann, eskalierte schnell. Man kämpfte ums Rederecht, unterbrach sich gegenseitig und antwortete, bevor überhaupt eine Frage gestellt wurde. Obwohl hinterher vor allem Kritik an Dan Rather geübt wurde (vgl. Ayaß 2004: 19), lässt sich dieser Prozess als eine "interaktive Herstellensleistung" (Ayaß 2004: 19) werten. Sowohl Rather als auch Bush haben „Äußerungen produziert, die für ein Interview nicht typisch sind“ (Ayaß 2004: 20). Vor allem die persönlichen Angriffe von Bush auf Rather und das Programm, die den Moderator in die für ihn ungewöhnliche „Rolle“ (Ayaß 2004: 20) des Befragten drängten. Rather wiederum beschuldigte Bush und schließlich führte das Ganze soweit, dass Rather das Interview abrupt beendete, während Bush noch antwortete, mit dem Satz: "I gather that the answer is no" (Ayaß 2004: 20).


Konsequenzen des Interviews (vgl. hierzu Clayman/Heritage 2002:4-6)

Nach dem Interview stieg Bushs Ansehen, da er in den Augen der Zuschauer als Gewinner hervorging. Das Time Magazin schrieb:

"Bush had shot down the legendary media gunslinger from black rock. It was the new George Bush. Not Bush the perpetual stand-in, but Bush the stand-up guy. Bush unbound. Bush unwimped." (zitiert nach Clayman/Heritage 2002: 5).

Und das, obwohl er auf manche Fragen keine adäquate Antwort wusste. Am Abend des Interviews gingen 6000 Anrufe beim Sender ein. Die Mehrzahl befand Rather für "rude". Daraufhin verlor der Moderator an Einfluss bei CBS. Auch die Sendung an sich verlor an Einschaltquoten und rutschte ein Jahr nach dem Interview auf Platz 3 der meistgesehenen Nachrichtensendungen in den USA.

Wesentlich ist, dass man hier nicht die Abweichung an sich untersuchte, sondern vor allem die Orientierung der Interagierenden an dieser Störung, wodurch wiederum eine ganz neue Ordnung entstand.

Kritik und Einordnung

Die Dialogtheorien leisten eine integrative Betrachtung von Text und Kontext und erkennen die Komplexität der Medienkommunikation an. Sie sind handlungsorientiert und widersprechen der Vorstellung eines passiven Rezipienten. Mit der Analyse von Mediendialogen leisten sie einen eigenständigen Beitrag zur empirischen Medienforschung und sind sehr praxisnah. Nachteilig ist, dass keine einheitliche Theorie existiert, sondern es je nach Forschungstradition Unterschiede gibt. Verbesserungspotential besteht in der derzeit noch geringen Berücksichtigung visueller Aspekte, beispielsweise der integrativen Analyse von Gestik und Mimik zusammen mit dem gesprochenen Dialog in Fernsehinterviews (vgl. Ayaß 2004: 22).

Literatur

  • Ayaß, Ruth (2004): Konversationsanalytische Medienforschung. In: Medien & Kommunikationswissenschaft, 52(1), S. 5-29.
  • Bucher, Hans-Jürgen (1994): Dialoganalyse und Medienkommuni¬kation. In: Fritz, Gerd/Hundsnurscher, Franz (Eds.): Handbuch der Dialoganalyse. Tübingen. S. 471-491.
  • Bucher, Hans-Jürgen (1999a): Sprachwissenschaftliche Methoden der Medienforschung. In: Leonhard, Felix et.al. (Eds.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. 1. Teilband. Berlin, New York. S. 213-231.
  • Bucher, Hans-Jürgen (1999b): Medien-Nachbarwissenschaften III: Linguistik. In: Leonhard, Felix et.al. (Eds.): Medienwissenschaft. Ein Handbuch zur Entwicklung der Medien und Kommunikationsformen. 1. Teilband. Berlin, New York. S. 287-309.
  • Clayman, Steven/Heritage, John (2002): Introduction. In: dieselben: The News Interview. Journalists and Public Figures on the Air. Vol. 16, Cambridge. S. 5-29.
  • Heritage, John (1984): Conversation Analysis. In: derselbe: Garfinkel and ethnomethodology. Cambridge u.a.. S. 232-292.
  • Holly, Werner/Habscheid, Stephan (2001): Gattungen als soziale Muster der Fernsehkommunikation. Zur Vermittlung von Massen- und Individualkommunikation. In: Sutter, Tilmann/Charlton, Michael (Eds.): Massenkommunikation, Interaktion und soziales Handeln. Wiesbaden. S. 214-233.
  • Schmitz, Ulrich (2004): Sprache in modernen Medien. Einführung in Tatsachen und Theorien, Themen und Thesen. Berlin.

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